„Eine neue Zeit ist angebrochen, in der zu leben eine Lust ist“, heißt es in Leben des Galilei von Bertolt Brecht. In diesem Satz verdichtet sich der Optimismus der Frühen Neuzeit: die Aufbruchsstimmung der Renaissance, das Vertrauen in Erkenntnis und Fortschritt sowie die Hoffnung auf eine neue Welt, die sich aus eigener Kraft verwirklichen lässt.
Zugleich kündigt sich hier bereits ein Motiv an, das später politisch radikalisiert wird. Die Verheißung eines besseren Lebens im Diesseits, getragen von Wissenschaft, Vernunft und menschlicher Gestaltungsmacht, wird im 20. Jahrhundert vom Kommunismus aufgegriffen und in einen messianischen Materialismus überführt. Was einst als geistiger und kultureller Aufbruch begann, verwandelt sich in ein säkulares Erlösungsversprechen.
Die alte, christlich geprägte Welt soll endgültig überwunden werden. An ihre Stelle tritt die Hoffnung auf einen Neuanfang aus eigener Hand – ein Motiv, das sich symbolisch in der DDR-Hymne Auferstanden aus Ruinen wiederfindet. Aus den Trümmern der Vergangenheit soll eine neue Welt entstehen, nicht durch Gnade oder Erlösung, sondern durch Planung, Arbeit und historischen Willen.
Wer verstehen will, wie die Gegenwart denkt, fühlt und handelt, muss einen Schritt zurücktreten und die Moderne nicht moralisch, sondern strukturell betrachten. Denn die Neuzeit ist kein einzelnes Ereignis, sondern ein langfristiger Umbau des Denkens – eine Verschiebung der Koordinaten, an denen sich Wahrheit, Sinn und Freiheit orientieren.
Bis weit in die Vormoderne hinein war die Ordnung der Welt grundsätzlich vertikal gedacht: Der Mensch verstand sich als Teil einer übergeordneten Wirklichkeit. Sinn war nicht etwas, das erzeugt werden musste, sondern etwas, das empfangen wurde. Mit dem Beginn der Neuzeit ändert sich genau das. Die Welt wird nicht mehr primär als Schöpfung gelesen, sondern als System. Und Systeme kann man erklären, optimieren, beherrschen. Diese neue Lesart der Welt führt später zu Liberalismus, Kommunismus und Faschismus.
Im 18. Jahrhundert erhält diese Entwicklung ihren Namen: Aufklärung. Vernunft wird zur zentralen Autorität. Wahrheitsfragen haben keine Relevanz mehr. Theologie und Philosophie verlieren massiv an Bedeutung. Im Grunde zählen sie gar nicht mehr. Sie werden ersetzt durch empirische Methoden, durch Messbarkeit und weltlichen Erfolg. Gott verschwindet dabei nicht sofort, aber er verliert seine Funktion als Maßstab. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Was ist wahr?, sondern: Was funktioniert?
Diese Denkbewegung verändert das Menschenbild. Der Mensch gilt nun als autonomes Subjekt, das sich selbst Gesetze gibt. Moral wird zur Frage gesellschaftlicher Übereinkunft, nicht göttlicher Ordnung. Die Welt wird zum Raum der Gestaltung – offen, formbar, verfügbar.
Politisch radikalisiert sich diese neue Weltsicht in der Französischen Revolution. Sie markiert den Übergang von einer Ordnung, die sich zumindest symbolisch auf göttliche Legitimation stützte, zu einer Ordnung, die sich vollständig aus dem Menschen selbst begründet. Souverän ist nun nicht mehr der König „von Gottes Gnaden“, sondern das Volk.
Mit dieser Neuordnung verändert sich auch das Freiheitsverständnis. Freiheit heißt nun vor allem: Selbstgesetzgebung. Der Mensch ist nicht mehr eingebunden in eine vorgegebene kosmische Ordnung, sondern verantwortlich für die Ordnung, die er selbst schafft. Die Welt wird damit endgültig zum Ort der Selbstverwirklichung.
Im 19. Jahrhundert erhält diese Sichtweise eine naturwissenschaftliche Tiefenschärfe. Mit Charles Darwin wird das Leben erstmals umfassend ohne Rückgriff auf Ziel, Sinn oder Ursprung erklärt. Evolution beschreibt einen Prozess ohne Plan, ohne Anfang in Unschuld und ohne festes Ziel. Variation, Selektion und Anpassung genügen als Erklärung.
Diese Theorie verändert nicht nur die Biologie, sondern prägt das gesamte Weltverständnis. Der Kampf ums Dasein erscheint nicht mehr als Ausnahme, sondern als Normalzustand. Harmonie wird zur Illusion, Konkurrenz zur Grundbedingung. Über ihren wissenschaftlichen Kontext hinaus wird diese Sichtweise oft auf Gesellschaft, Geschichte und sogar Moral übertragen.
Wenn Friedrich Nietzsche vom „Tod Gottes“ spricht, meint er im Kern keinen Mord, sondern einen Bedeutungsverlust. Die höchsten Werte haben ihre Selbstverständlichkeit eingebüßt. Die Folge ist ein kulturelles Vakuum.
Nietzsches Analyse ist dabei bemerkenswert nüchtern. Er beschreibt, was passiert, wenn eine Kultur ihre transzendente Referenz verliert: Sinn muss neu erfunden werden. Sein Vorschlag lautet, das Leben selbst – seine Kraft, seine Intensität, seine Körperlichkeit – zum Maßstab zu machen. Doch Nietzsche sieht auch die Kehrseite dieser Verschiebung. Eine Welt ohne letzten Horizont wird kälter.
Politisch und gesellschaftlich setzt sich diese Entwicklung im Liberalismus fort. Freiheit wird negativ definiert: Freiheit von Vorgaben, von Bindungen, von metaphysischen Ansprüchen. Der Einzelne soll sich selbst entwerfen. Sinn wird zur individuellen Aufgabe. Was hier übersehen wird, ist, dass diese Aufgabe nie ein Phänomen der Massen sein kann. Der Liberalismus ist im Kern eine Angelegenheit der englischen und amerikanischen Elite, die ihre Langeweile mit neuen Spielen füllen will, er ist die logische Folge des Anglikanismus.
In einer liberalen Welt ohne vorgegebenen Sinn rücken Wohlstand, Gesundheit, Erlebnis und Selbstoptimierung in den Mittelpunkt. Bewegung wird zur Konstante, Aktivität zum Wert an sich. Stillstand erscheint verdächtig, weil er Raum für Sinnfragen eröffnet, die nicht mehr verbindlich beantwortet werden können. An ihre Stelle tritt das Postulat des Machens: Der Einzelne soll seines Glückes Schmied sein, begleitet von der ideologischen Annahme, das eigene Leben lasse sich nahezu gottgleich selbst bestimmen
Interessanterweise spiegelt sich diese Lage besonders deutlich in der Popkultur. Moderne Erzählformen glauben aber nicht mehr an einen Triumphzug des modernen Menschen. Sie thematisieren häufig Kontrollverlust, Entleerung und Grenzerfahrungen. Figuren wie der Zombie – reduziert auf Trieb, Konsum und Bewegung – sind weniger moralische Warnbilder als kulturelle Selbstbeschreibungen. Der Zombie ist zeitlich gesehen das Endprodukt nach sexueller Revolution und dem darauf folgenden Horror-Genre.
Das ist ironischerweise der Endpunkt der Moderne: 11 Staffeln Walking-Dead-Zombieapokalypse. Alle Gesellschaftsentwürfe ohne Christentum sind an ihr Ende gekommen. Aber die Kathedralen des Mittelalters stehen noch.