Freitag, 9. Januar 2026

Albert Camus: „Die Pest“

„Was ist der Mensch?“ – diese Frage stellt die Bibel (Psalm 8,5). Es ist auch die zentrale Frage in Camus’ meisterhaft geschriebenem Roman Die Pest. Katastrophen lehren uns, wer wir wirklich sind.

Camus erzählt von Oran, einer algerischen Stadt, in der zunächst alles seinen gewohnten Gang geht. „Eine praktische Art, eine Stadt kennenzulernen“, schreibt Camus, „besteht darin, sich anzusehen, wie in ihr gearbeitet, wie in ihr geliebt und wie in ihr gestorben wird. In unserer kleinen Stadt – womöglich liegt es am Klima – macht man alles gleichzeitig, auf ein und dieselbe hektische und abwesende Weise.“

Es gibt Langeweile und Gewohnheiten, Betriebsamkeit und Handel. Alles geht seinen gewohnten Gang. Wohl niemand wäre auf die Idee gekommen, dass sich das auf einmal schlagartig ändern könnte.

Alles beginnt mit einer toten Ratte. Die Sonne glüht über Oran, und etwas verändert sich. Eine tote Ratte wird schnell vergessen, auch zwei oder drei. Aber dabei bleibt es nicht. Der Untergang der Stadt wird eingeläutet und lässt sich nicht mehr aufhalten. Wenig später „spien die Fabriken und Lagerhäuser tatsächlich Hunderte von Rattenkadavern aus“. Die toten Ratten bestimmen das Stadtbild. Bald wird es den ersten toten Menschen geben. Es ist der Concierge. Nach 40 Grad Fieber, angeschwollenen Lymphknoten und einem gemarterten Gesicht: „‚Er ist tot‘, sagt der Arzt.

Oran wird abgeriegelt, die Epidemie ist da. In der ganzen Stadt sterben Menschen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Junge und Alte. Die Pest kennt keine Grenzen, kein Alter, kein Pardon – sie kommt und tötet.

„Eine Niederlage ohne Ende“

Im Zentrum des Romans steht der Arzt Bernard Rieux. Er glaubt nicht an Gott, nicht an Erlösung, nicht an einen letzten Sieg über das Leid. Und doch kämpft er. Tag für Tag. Ohne Pathos, ohne Hoffnung auf einen Triumph. Die Pest ist für ihn „eine Niederlage ohne Ende“.

Bald schon entwickelt sich ein Konflikt zwischen dem Jesuitenpater Paneloux und Rieux. Paneloux steht paradigmatisch für eine Ausprägung von Religion, die Rieux vehement ablehnt. Paneloux versucht, die Pest als Strafe Gottes zu deuten, doch Rieux sieht darin eine ungerechte und unmenschliche Anklage, die er nicht gelten lassen kann. Besonders als ein Kind, der Sohn eines Richters, an der Pest stirbt, schreit Rieux Paneloux an: „Ah! Der wenigstens war unschuldig, das wissen Sie wohl!“

An anderer Stelle entgegnet Paneloux auf die Leidfrage, man müsse vielleicht lieben, was man nicht verstehen könne. Diese Antwort will Rieux jedoch nicht akzeptieren und reagiert empört:
„Nein, Pater“, sagte er. „Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis zum Tod weigern, diese Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“

In einem Gespräch mit Rieux macht Tarrou deutlich, was für ihn die wichtigste Frage sei:„Kann man ein Heiliger ohne Gott sein, das ist das einzige konkrete Problem, das ich heute kenne.“

Der Arzt antwortet wenig später auf seine Weise: „… ich empfinde mehr Solidarität mit den Besiegten als mit den Heiligen. Ich glaube, ich habe keinen Sinn für Heldentum und Heiligkeit. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.“

Rieux glaubt an keinen Gott und an keine Heilsgeschichte, aber er hilft. Warum aber macht der Arzt weiter, warum hilft er, obwohl er nicht an einen wirklichen Sieg glaubt? Weil es noch etwas anderes gibt, das leise und ohne Empörung daherkommt, etwas, das seine Motivation allein aus Menschlichkeit bezieht:
„Nach einem Schweigen richtete sich der Arzt etwas auf und fragte, ob Tarrou eine Vorstellung von dem Weg habe, den man einschlagen müsse, um zum Frieden zu kommen. ‚Ja, Mitgefühl.‘“

Mitgefühl als Motivation

Irgendwann geht auch die schlimmste Epidemie vorüber. Nach zahllosen Toten und unendlichem Leid ist die Seuche irgendwann so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Der Jesuitenpater ist gestorben, ebenso Tarrou und viele andere. Der Arzt Rieux hat überlebt.

Camus zeigt durch Rieux den Weg zum säkularen Humanismus auf – zum Humanismus ohne Gott. Die Triebfeder dieses säkularen Humanismus ist Mitgefühl. Eine Motivation, die auch damit leben kann, dass letztlich alles im Absurden endet.

Am Ende des Romans heißt es, dass der Arzt einen Bericht anfertigte, „um für diese Pestkranken Zeugnis abzulegen, damit wenigstens eine Erinnerung an die Ungerechtigkeit und Gewalt blieb, die ihnen angetan worden war, und um einfach zu sagen, was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“

Der säkulare Humanismus kann die Tragik des Lebens nicht besiegen oder überwinden. Er glaubt an das Kreuz, aber nicht mehr an die Auferstehung. Er kann jedoch, wie Rieux sagt, dafür sorgen, dass es wenigstens „etwas menschlicher“ wird.

Die tiefste Erfahrung des Menschen

Der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker hat einmal gesagt, die tiefste Erfahrung des Menschen sei nicht Freiheit, sondern Ohnmacht:

„Die tiefste Erfahrung von sich selbst, zu der der Mensch in seiner Natur und in der Gesellschaft vordringt, lautet nicht Freiheit, sondern Ohnmacht. Die tiefste Erfahrung vom Gelingen menschlichen Lebens ist nicht eine Erfahrung von eigener Macht, sondern von Gnade. Die tiefste Erfahrung des Menschen ist nicht der Mensch, sondern Gott.“ – Carl Friedrich von Weizsäcker

Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leids liegt jenseits dieser Welt, im Vertrauen in die göttliche Vorsehung als Weg zu Frieden und Glück.

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