Donnerstag, 12. Februar 2026

Warum säkulare Gesellschaften nicht überleben können

„Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? … Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? … Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“

Mit diesen Worten beschreibt Friedrich Nietzsche in seinem Werk „Die fröhliche Wissenschaft“ die Erfahrung des „Gottestodes“. Was hier anklingt, ist nicht bloß eine religionskritische Pointe, sondern eine kulturelle Erschütterung von ungeheurer Tragweite. Wenn Gott stirbt, stirbt nicht nur eine metaphysische Idee – es bricht ein Deutungshorizont weg. Orientierung, Sinn, Ziel, moralische Gewissheit: Alles gerät ins Schwanken.

Nietzsche ahnte, dass dieser Traditionsbruch nicht folgenlos bleiben würde. Denn Tradition ist mehr als Brauchtum. Sie ist ein Geflecht aus Geschichten, Symbolen, Ritualen und Hoffnungen. Sie ist das Gedächtnis einer Kultur. Und wo das Gedächtnis zerstört wird, verliert eine Gesellschaft ihre Zukunft.

Hungersnöte, Kriege, wirtschaftliche Not – all das haben Völker ertragen, ohne zu verschwinden. Warum? Weil Hoffnung blieb. Weil der Glaube an einen Sinn jenseits der Katastrophe lebendig war. Doch wenn die kulturelle Substanz selbst zerbricht, wenn nicht nur äußere Sicherheit, sondern die innere Gewissheit schwindet – dann wird es existentiell.

Eine Gesellschaft stirbt nicht zuerst an Armut. Sie stirbt an Sinnverlust.

Der englische Philosoph Joseph Shaw formulierte diesen Gedanken in einem Gespräch mit dem amerikanischen Journalisten Michael Matt im Umfeld des katholischen Mediums The Remnant. Matt stellte die Frage, die viele bewegt: Wie kann man angesichts globaler Krisen, politischer Unsicherheiten und kultureller Auflösung noch guten Gewissens eine große Familie gründen?

Shaws Antwort war bemerkenswert schlicht. Menschen hören auf, Kinder zu bekommen – oder beschränken sich auf ein Minimum –, wenn sie das Gefühl haben, nichts Wertvolles weitergeben zu können. Es geht nicht primär um Geld oder politische Stabilität. Es geht um kulturelle Substanz.

Zur Illustration verwies Shaw auf die schottischen Highlands nach den „Clearances“. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang zerfiel die gälische Kultur: Sprache, Musik, religiöse Traditionen, das soziale Gefüge ganzer Dörfer. Männer blieben unverheiratet, lebten zurückgezogen mit Geschwistern zusammen. Warum? Shaw deutet es so: Sie hatten „nothing to pass on“, nichts weiterzugeben.

Der französische Philosoph Michel Onfray tritt seit Jahren als entschiedener Vertreter eines radikalen Atheismus auf. Mit seiner in Caen gegründeten Université Populaire de Caen propagiert er eine säkulare „Gegentheologie“. Sein Programm ist klar: Aufklärung statt Religion.

In seinen Schriften beruft er sich auf Denker wie Feuerbach, Nietzsche, Marx und Freud. Religion erscheint ihm als Obskurantismus, als Finsternis. Die Aufklärung dagegen als Licht, als Befreiung des Menschen von Illusionen.

Doch dieses Narrativ wirkt seltsam antiquiert. Die „Heilsgeschichte der Moderne“ – Fortschritt, Vernunft, Emanzipation – ist selbst brüchig geworden. Die Geschichte der Aufklärung hat gezeigt, dass auch Vernunft in Totalitarismus umschlagen kann. Nationalismus, Kommunismus, Konsumismus – alles säkulare Ideologien mit quasi-religiösem Charakter.

Der hedonistische Vertrag

Onfray reagiert darauf mit einem „postmodernen Atheismus“. Keine Metaphysik mehr, weder theologisch noch wissenschaftlich. Stattdessen: Pragmatismus, Nutzen, Hedonismus. Moral ist, was „für das Glück der meisten“ nützlich ist. Ein „hedonistischer Vertrag“ soll an die Stelle göttlicher Gebote treten.

Onfrays Ansatz ist attraktiv, weil er keine jenseitigen Hoffnungen braucht und bereits im Hier und Jetzt das Glück verspricht. Kein ewiges Heil, keine letzte Gerechtigkeit. Nur diesseitiges Glück.

Doch hier liegt die entscheidende Frage: Entspricht Hedonismus wirklich der menschlichen Natur? Wird der Mensch frei, wenn er seine Leidenschaften auslebt? Oder wird er vielmehr ihr Gefangener?

In einer naturalistischen Welt aus blinder Materie gibt es letztlich keinen objektiven Sinn, keine letzte Hoffnung, keine Gerechtigkeit über den Tod hinaus. Nietzsche selbst sah die Dunkelheit, die aus dem Gottestod folgt. Onfray versucht, diese Dunkelheit mit Lust zu übertünchen.

Wenn alles immanenter Zufall ist, warum überhaupt Kinder? Warum Opfer bringen? Warum Treue üben? Der Hedonismus kann Anreiz zum Genuss geben – aber keinen Grund zur Hingabe. Gesellschaften leben jedoch davon.

Die Glaubensmüdigkeit

Ein besonders eindrückliches Zeugnis moderner Religionsmüdigkeit liefert der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère in seinem Werk „Das Reich Gottes.“

Carrère schildert darin seine Bekehrung zum Christentum – und seine spätere Abkehr. Seine Hinwendung war emotional intensiv, fast euphorisch. Eine Kapelle in den Schweizer Bergen, das Johannesevangelium, die geistliche Begleitung seiner Patentante – all das führte zu einer tiefen religiösen Erfahrung.

Doch die Euphorie verflüchtigte sich. Zweifel wuchsen. Leid stellte die Theodizeefrage. Die Erfahrung, trotz religiöser Praxis nicht dauerhaft glücklicher zu werden, nagte an ihm. Schließlich blieb ein Agnostizismus – und eine gewisse Scham über die „fromme Phase“.

Charakteristisch ist nicht ein aggressiver Atheismus, sondern ein langsames Desinteresse. Der Glaube verglüht wie eine Zigarette. Religion erscheint in intellektuellen Kreisen als peinlich, unzeitgemäß, unattraktiv.

Und doch bleibt bei Carrère eine Sehnsucht. Er fragt weiter. Er gibt das Reich Gottes nicht ganz auf. „Herr, ich gebe dich auf. Gib du mich nicht auf.“

Säkulare Gesellschaften sterben, weil sie keine transzendente Hoffnung mehr besitzen, die lebensbejahend ist. Sie kennen nicht mehr den Sinn und die Notwendigkeit von Opfer, Treue und Tugend für eine fruchtbare Gesellschaft.

Kinder sind immer ein Akt des Glaubens an die Zukunft. Wer keine Zukunft mehr sieht, gründet keine Familie. Wer keine Geschichte mehr erzählen kann, bringt keine Erzähler hervor.

Der demographische Winter Europas ist kein Zufall. Er ist Ausdruck einer geistigen Erschöpfung. Wenn Religion nur noch als kulturelles Relikt oder als peinlicher Irrtum gilt, verliert die Gesellschaft ihren inneren Zusammenhalt. Der Einzelne wird zum autonomen Konsumenten – aber nicht zum Vater oder zur Mutter.

Säkularität allein erzeugt keine Kultur. Sie lebt parasitär von Restbeständen religiöser Tradition – von Moral, von der mittelalterlichen Struktur der Städte und von ihren Werten.

Die Zukunft

Dem gegenüber steht die katholische Tradition. Eine lebendige Kette von Zeugen: Petrus und Paulus, Benedikt von Nursia, Katharina von Siena, Ignatius von Loyola, Alfons von Liguori, Pius X., bis zu den Märtyrern der Gegenwart.

Tradition ist hier nicht Nostalgie. Sie ist Weitergabe. Sie sagt: Vor dir haben andere geglaubt, gelitten, gehofft und geliebt. Nach dir werden andere glauben. Es gibt etwas, das größer ist als man selbst und das sich lohnt, weiterzugeben.

Der Römische Katechismus spricht vom Himmel als „Anschauung Gottes“ und vom „genussvollen Auskosten der Schönheit dessen, der die Quelle aller Wesensgüter ist“. Das ist eine unzerstörbare Hoffnung: Dass die Sehnsucht des Herzens eine Erfüllung hat, unabhängig davon, wie gut es mir in diesem Leben geht. Diese Hoffnung trägt durch Krisen. Sie trägt durch Leid.

Säkularisierung verspricht Freiheit von Gott und damit Freiheit zum Brechen der Gebote. Doch sie befreit nicht von Sinnsuche und kann keinen Halt geben. In den Worten Nietzsches: „Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet.“ Die Säkularisierung entzieht einer Gesellschaft vielmehr die tiefste Motivation, sich selbst zu überschreiten.

Wer glaubt, dass das Leben mehr ist als Materie, mehr als Konsum, mehr als Lust, der hat einen Grund, es weiterzugeben. Wer glaubt, dass Geschichte kein nihilistischer Zufall ist, der wagt Zukunft.

Säkulare Gesellschaften sterben nicht über Nacht. Sie schrumpfen langsam – demographisch, kulturell, geistig. Wo Glaube, Hoffnung und Tradition lebendig bleiben, gibt es etwas weiterzugeben und deshalb auch neues Leben.

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