„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie zu antworten“. – So beginnt „Eine absurde Betrachtung“ in der Essaysammlung „Der Mythos des Sisyphos“. Wie sieht die Antwort bei Camus aus?
Der Selbstmord und das Absurde
Warum ist die Frage nach dem Selbstmord für Camus zentral? – „der Handlungen wegen, die sie nach sich zieht“, so Camus‘ Antwort. Niemand sterbe für den ontologischen Beweis, aber dann, wenn er/ sie das Leben für nicht lebenswert halte. Zu beantworten sei daher die Frage nach dem Sinn des Lebens als dringlichste Frage. In der Beschäftigung mit dieser Frage kommt für Camus immer wieder das „Gefühl der Absurdität“ vor, als ein Gefühl der Entzweiung zwischen dem Menschen und seinem Leben.
Der „absurde Mensch“ ist für Camus „derjenige, der nichts für die Ewigkeit tut und nichts leugnet“. Er lebt nach Camus radikal im Jetzt und für das Jetzt, kennt keinen Gott und keinen letzten Sinn. Aber wie lebt er und wofür? Darüber wird der kurze Essay über Sisyphos antworten.
Der Mythos des Sisyphos
Sisyphos wird von den Göttern damit bestraft einen Felsblock auf einen Berg hinaufzuwälzen. Kurz bevor der Felsblock den Gipfel erreicht, entgleitet er ihm jedes Mal, so wiederholt er seine Strafe endlos, immer und immer wieder. Es handelt sich dabei absichtlich um eine Strafe, die den Anschein des Sinnlosen und Ausssichtslosen hat, da eine solche als besonders grausam gilt. Sisyphos erhielt diese Strafe als Antwort auf seine List und Täuschungen, dem Tod zu entgehen. Die Strafe des Sisyphos scheint endlos tragisch und Camus schlussfolgert:
„Sisyphos ist der absurde Held. Ebenso sehr aufgrund seiner Leidenschaften wie seiner Qual. Seine Verachtung der Götter, sein Hass auf den Tod und sein leidenschaftlicher Lebenswille haben ihm die unsagbare Marter eingebracht, bei der sein ganzes Sein sich abmüht, ohne etwas zu vollenden. Das ist der Preis für die Leidenschaften dieser Welt.“
Sisyphos erweckt genau dann Camus‘ Interesse, wenn der Stein zurückrollt und der von den Göttern Bestrafte „Pause“ hat. In diesen Momenten, in denen Sisyphos aufatme und den Göttern entschwinde, sei er stärker als sein Fels. Die Tragik des Unterfangens komme durch das Bewusstsein darüber. Aber es gebe auch einen Sieg. Dieser bestehe darin, dass Schicksal durch Verachtung zu überwinden. Camus vergleicht Sisyphos mit dem Arbeiter seiner Tage, der ohnmächtig und rebellisch zugleich seine conditio erkenne.
Es gebe Situationen, in denen der Stein siege, das seien „unsere Nächte von Gethsemane“. Sisyphos‘ Schicksal ist nicht abwendbar, aber Camus vergleicht dieses mit dem des Ödipus, der trotzdem sagen kann: „Ich finde, dass alles gut ist“. Die „verborgene Freude“ Sisyphos‘ bestehe darin, den Fels als Schicksal anzuerkennen: „Sein Fels ist seine Sache“. Das also scheint der Akt der Freiheit, der Selbstbestimmung und der Autonomie zu sein: Das Ja-Sagen zum Schicksal und die gleichzeitige stille Revolte, die sich über das Schicksal erhebt. Die Götter und das Universum schweigen, aber Sisyphos macht weiter: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Die christliche Antwort auf Sisyphos
Wenn man Camus‘ Begriffe und Deutungen analysiert, so wird deutlich, dass er Begriffe benutzt, die eine klaren christlichen Hintergrund haben. Aber Camus interpretiert sie ohne den Glauben und gibt ihnen eine andere Bedeutung.
„Unschuld“, „Erkennen“, „Entzweiung“ sind zentrale Begriffe im Mythos. Camus schreibt, er gehe von der „prinzipiellen Unschuld“ des absurden Menschen aus. Er scheint also nicht schuldig. Vielmehr findet er sich im Absurden einfach vor. Das Gefühl der Absurdität vergleicht er mit dem einer „trostlosen Nacktheit“. Ein Gefühl, das jeden immer überall anspringen könne.
Der Irrtum Camus‘ besteht darin, von einer „prinzipiellen Unschuld“ auszugehen. Wenn es aber einen historischen Sündenfall gab und eine Welt vor der „trostlosen Nacktheit“, oder dem „Tal der Tränen“, wie es im Salve Regina heißt, ändert sich die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Auch das Leid erhält eine neuen Sinn. Weil Camus an keinen guten Gott glaubt und auch nicht an die Schuld des Menschen, wird die gefallene Welt für ihn zum einzigen und ewig gültigen und ungerechten Zustand. Entsprechend lautet Camus Antwortet: Rebellion.
1947 notierte Camus in sein Tagebuch, es gebe auch für ihn ein Ende des Absurden und der Revolte, die sich „im Mitleiden im eigentlichen Sinn des Wortes, das heißt schließlich in der Liebe und in der Dichtung“ finde, dazu sei „eine Unschuld erforderlich“ die er nicht mehr besitze. Er könne nur den Weg richtig erkennen, der eine „Zeit der Schuldlosen“ anbrechen lasse. (Zitiert nach Radisch, S. 230). Wenn das Absurde aber eine äußere Wirklichkeit ist, wie kann eine unschuldige Liebe sie dann beenden? Nur eine göttliche Erlösung von außen hat die Macht dazu.
Es gibt jemanden, der Camus‘ angesprochenes „Mitleiden im eigentlichen Sinn“ verkörpert, der die unschuldige Liebe ist und eine absurd scheinende Welt überwindet. Es ist die göttliche Person Jesus Christus. Nur so lässt sich das Absurde auflösen. Mit dem Logos, der Mensch wurde. Der Sinn des Lebens liegt nämlich außerhalb der Welt: „Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihm zu dienen, ihn zu lieben und einst in den Himmel zu kommen“ (Baseler Katechismus).
Wenn man diesen Glauben nicht hat, bleibt am Ende eine absurde Welt, die man vielleicht mit Geld, Lust und Rebellion etwas erträglicher machen kann.
Entscheidend ist letztlich nicht der Mythos, sondern die Geschichte. In der historischen Nacht von Gethsemane siegt nicht der Stein. Es ist der Beginn der Erlösung. Das Kreuz besiegt das Absurde.
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Das ist mal wieder ein hinreichend anspruchsvoller und interessanter Beitrag, um zum früheren Niveau des Cathwalk zurückzufinden.