Samstag, 24. Januar 2026

Europas Krise ist eine metaphysische Krise

In den letzten Jahren hört und liest man immer häufiger von der schwindenden Bedeutung Europas. Politisch, wirtschaftlich, kulturell. Auch als geistiges Vorbild für andere Weltregionen hat Europa an Einfluss verloren. Kaum jemand widerspricht der Diagnose einer tiefen Orientierungslosigkeit, die sich wie ein lähmender Nebel über den Kontinent gelegt hat.

Dass im Zentrum nahezu aller großen europäischen Städte ein Dom steht, ist kein historischer Zufall. Köln, Aachen, Münster, München, Florenz, Mailand, Paris wurden nicht um Märkte oder Paläste herum gebaut, sondern um Altäre. Der Dom markierte die Mitte – nicht nur geografisch, sondern ideologisch. Die Stadt verstand sich als Abbild einer göttlichen Ordnung. Der Raum wurde vom Himmel her gedacht. Der ungeschaffene Logos, durch den alles geworden ist, war das ordnende Prinzip von Kultur, Recht, Kunst und Gemeinschaft.

Europa war nicht einfach „christlich geprägt“. Es war christlich verfasst. Seine Ordnung beruhte auf der Überzeugung, dass die Wahrheit erkennbar ist, weil die Welt von Gott geschaffen ist. Genau aus dieser Überzeugung heraus entstanden im Mittelalter die Universitäten. Die Einheit von Glaube und Vernunft war selbstverständlich. Vernunft galt nicht als autonomes Gegenprinzip zum Glauben, sondern als dessen Verbündete.

Diese metaphysische Ordnung bildete das geistige Rückgrat Europas. Als sie zu bröckeln begann, setzte ein Prozess ein, der bis heute anhält. Kardinal Robert Sarah beschreibt diesen Zustand als Sterben des Abendlandes. Es handelt sich nicht um einen äußeren Untergang, sondern um einen inneren Selbstzerstörungsprozess. Europa richtet sich gegen sich selbst, weil es sich gegen seine eigene Wahrheit richtet.

Europa ist bereit, jede fremde Kultur zu respektieren – nur nicht die eigene. In der eigenen Geschichte sieht es fast ausschließlich Schuld, Gewalt und Unterdrückung. Die Heiligen werden vergessen, die Kathedralen zu Eventhallen degradiert, das Christentum auf eine historische Episode reduziert.

Dieser geistige Bruch zeigt sich heute besonders deutlich im anthropologischen Bereich. Wenn nicht mehr klar ist, was der Mensch ist, kann auch nicht mehr klar sein, was Mann und Frau sind. Die Leugnung der Schöpfungsordnung ist keine Randerscheinung, sondern Konsequenz einer gottlosen Anthropologie. Abtreibung, die Zerstörung der Familie, die Auflösung natürlicher Bindungen und die systematische Entwertung des Lebens sind keine Betriebsunfälle der Moderne, sondern logische Folgen eines Denkens ohne Gott. Es ist eine Rückkehr zum Denken der heidnischen Antike, in der das alles selbstverständlich war.

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„Ich glaube, dass das Abendland im Sterben liegt. Ein Selbstzerstörungsprozess ist immer umkehrbar.“ Mit diesen Worten fasst Kardinal Robert Sarah den Zustand des Westens zusammen. In seinem Buch Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden beschreibt er einen geistigen Verfall, der nicht zufällig, sondern selbstverschuldet ist. Der Leitgedanke dieses Kapitels geht auf ein Buch Ratzingers zurück („Werte in Zeichen des Umbruchs“). Es gebe einen als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass, der sich zwar fremden Werten öffnen wolle, aber in seiner eigenen Geschichte nur noch das Grausame und Zerstörerische sehe.

Man weiß nicht mehr, was ein Mann ist, was eine Frau ist. Diese Feststellung ist kein polemischer Ausrutscher, sondern eine nüchterne Beschreibung der Realität. Abtreibung wird als Menschenrecht gefeiert, die Familie systematisch zerstört, geistige und moralische Werte verhöhnt. Kardinal Sarah spricht offen von einem „Selbstmord eines ganzen Kulturkreises“. Wir erleben ohnmächtig den Niedergang einer Zivilisation – einen einzigartigen Untergang in der Menschheitsgeschichte, weil er nicht von äußeren Feinden, sondern von innen her betrieben wird.

Der Bedeutungsverlust des Christentums ist kein plötzliches Ereignis. Er ist das Ergebnis eines langen historischen Prozesses. Nach der Ausbreitung des Glaubens in der Antike und seiner Blüte im Mittelalter begann schrittweise eine Verschiebung. Das Mittelalter war trort aller Unvollkommenheiten eine Epoche, in der Christus als Herr der Geschichte anerkannt wurde.

Krisen führten damals zu Erneuerung. Der Zisterzienserorden erneuerte das monastische Leben und formte Landschaften. Die Bettelorden antworteten auf die Urbanisierung mit Mission und tätiger Nächstenliebe.

Mit Renaissance und Humanismus änderten sich die Grundwerte. Nicht mehr Christus, sondern der Mensch wurde zum Maß aller Dinge. Die Gnade wurde verdrängt, die Natur absolut gesetzt. Kunst, die einst auf Gott hin geöffnet war, begann, sich selbst zu feiern. Die Renaissance war weniger eine Wiedergeburt als eine Umorientierung – weg von der Inkarnation, hin zur Selbstvergöttlichung des Menschen.

Die Gegenreformation brachte noch einmal eine kraftvolle Antwort, doch spätestens nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges setzte eine fortschreitende Entchristlichung ein. Atheistische Geistliche, wie Abbe Jean Meslier, die Frühaufklärung, absolutistische Machtpolitik – all das schwächte die Kirche. Die Französische Revolution von 1789 markiert schließlich einen zivilisatorischen Bruch: Die Kirche wurde entmachtet, der König umgebracht, Priester ermordet, der Staat erklärte sich gottlos. Der hedonistische Atheismus wurde zur Staatsdoktrin. Es war die größte historische Katastrophe seit der Christianisierung Europas.

Die wahren „Dark Ages“ waren nicht das Mittelalter, sondern begannen hier.

Zwar kam es im 19. Jahrhundert noch zu religiösen Erneuerungen, doch sie blieben defensiv. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang Österreich-Ungarns existierte kein bedeutender katholischer Staat mehr. Aus dem liberalen Atheismus erwuchsen Kommunismus und Nationalsozialismus als radikale Ersatzreligionen.

Das Zweite Vatikanische Konzil markierte einen weiteren dramatischen Wendepunkt. Unter Johannes XXIII. und Paul VI. kam es zu einem massiven Traditionsbruch. Ökumene, interreligiöse Treffen, Fortschrittsoptimismus, Humanismus, neue Liturgie – all das führte zu einer inneren Selbstschwächung der Kirche. Die Kirche scheint von da an, als wolle sie nicht mehr die Welt zu Christus führen, sondern präsentiert sich mehr und mehr als ein humanistisch-religiöses Angebot unter vielen. Es scheint, als wenn die Ideale der Aufklärung von der Kirche anerkannt wurden. Als wenn Lessings Ringparabel im Petersdom herrscht.

Heute ist selbst die Kirche vielerorts nicht mehr der Fels, auf den man bauen kann. Wer noch glauben möchte wie früher, wer dieselbe Messe, dieselben Sakramente und denselben Glauben bewahren will, muss traditionelle Gruppen suchen, die den Bruch nicht mitmachen.

Auf dem geistig verseuchten Boden von mehreren Jahrhunderten konnte 1968 die Kulturrevolution gedeihen. Es war im Grunde eine Revolution für einen hedonistischen Sozialismus, der nicht nur das Christentum, sondern die gesamte bisherige Kultur, die Ehe, die Familie, die Natur und alles Gewordene an sich zerstören wollte und durch einen „neuen Menschen“ ersetzen wollte, den emanzipierten, kritischen und antiautoritären Einzelnen, der sich von tradierten Normen, Hierarchien und Zwängen befreit und selbstbestimmt lebt.

Politische Programme, kulturelle Initiativen oder moralische Appelle für einen Wandel sind zu klein und haben deshalb nicht die Kraft, diesen Prozess entscheidend zu verändern. Doch in unserem eigenen Wirkungsbereich können und sollen wir so viel Gutes wie möglich tun. Das lohnt sich für jeden Einzelnen.

Wenn die große Wende kommt, dann kommt sie wahrscheinlich nicht aus menschlicher Kraft, sondern durch ein Eingreifen Gottes. In den Geheimnissen von Fatima ist vom Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens die Rede. Von einem Ereignis, das von Gott kommt.

Gegen die Krise hilft eines: ein unerschütterlicher Glaube, denn Gott wird siegen.

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