Am 2. Februar 2026 erklärte der Generalobere der Priesterbruderschaft St. Pius X., Davide Pagliarani, die Bruderschaft beabsichtige, am 1. Juli 2026 Bischöfe zu weihen. Die öffentliche Reaktion auf diese Ankündigung war, wie zu erwarten, ambivalent: Es gab wahlweise, Zustimmung, scharfe Kritik und Warnungen vor „verbotenen Weihen“ sowie der wiederholte Appell, es müsse doch noch zu einer Einigung mit Rom kommen.
Die Reaktionen bleiben jedoch unzureichend, solange sie sich ausschließlich auf kirchenrechtliche Fragen konzentrieren. Die eigentliche Tragweite dieser Ankündigung erschließt sich erst, wenn man sie im Licht einer weit tiefergehenden Krise betrachtet, deren Ursprung nicht in disziplinären Unregelmäßigkeiten liegt, sondern in einer grundlegenden theologischen Neuorientierung der Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil.
Das Zweite Vatikanische Konzil
Die Auseinandersetzung zwischen der Piusbruderschaft und Rom ist im Kern keine Frage der Liturgie oder des Gehorsams, sondern eine Frage der Lehre. In der Tradition sieht man im Zweiten Vatikanischen Konzil nicht lediglich eine pastorale Aktualisierung, sondern einen Bruch, bei dem zentrale Lehren der Kirche angetastet wurden.
Besonders kritisch beurteilt werden drei Themenfelder: die Lehre von der Kollegialität der Bischöfe, der Ökumenismus und die Religionsfreiheit. Während das nachkonziliare kirchliche Lehramt diese Punkte als legitime Entfaltung der Tradition darstellt, sieht die Tradition hierin einen Bruch mit der bisherigen Lehre, wie sie etwa in vorkonziliaren Enzykliken, Konzilsbeschlüssen und dem überlieferten Kirchenverständnis formuliert war.
Das Konzil führte ebenfalls eine neue zweideutige Sprache ein, die sich bewusst von der bisherigen lehramtlichen Klarheit unterschied. Genau hierin liegt ein weiteres Problem: Wo zuvor präzise Unterscheidungen zwischen Wahrheit und Irrtum, Kirche und Welt, Glaube und Unglaube getroffen wurden, trat nun eine offene, dialogische Sprache, die zwar pastoral anschlussfähig sein wollte, aber zugleich die Eindeutigkeit der Lehre untergräbt.
Ist also das Schisma längst Realität? Dann allerdings nicht primär auf Seiten der Tradition, sondern auf Seiten der Amtskirche selbst, als ein Schisma mit der eigenen Überlieferung.
Die Religionsfreiheit
Besonders deutlich zeigt sich diese Spannung in der Erklärung Dignitatis humanae (1965). Während die Kirche zuvor gelehrt hatte, dass der Staat eine objektive Pflicht gegenüber der wahren Religion habe und derr Irrtum keine Rechte besitzen könne, spricht das Konzilsdokument von einem natürlichen Recht des Menschen auf religiöse Freiheit. Wie lässt sich dies anders verstehen als als ein unauflösbarer Widerspruch zu früheren lehramtlichen Aussagen? Dies gilt umso mehr, wenn man die Enzyklika Quanta cura und den Syllabus errorum (1864) Papst Pius’ IX. zum Vergleich heranzieht.
In der Praxis zeigt sich, dass das verkündete Recht auf Religionsfreiheit dazu geführt hat, dass der Anspruch der Kirche auf Wahrheit relativiert und durch eine faktische Akzeptanz aller Religionen ersetzt wurde. Mission wurde durch Dialog ersetzt, Bekehrung durch gegenseitige Anerkennung. Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich bis heute in interreligiösen Veranstaltungen, ökumenischen Gebeten und einer zunehmend unklaren Verkündigung des Alleinvertretungsanspruchs Christi.
Eng mit diesen Entwicklungen verbunden ist die Liturgiereform, die unter Paul VI. umgesetzt wurde. Die 1969 promulgierte Neue Messe sollte das liturgische Leben erneuern, die aktive Teilnahme der Gläubigen fördern und ökumenische Hürden abbauen. Eine Analyse der Texte zeigt, dass diese Reform den Opfercharakter der Messe abgeschwächt, die sakrale Distanz verringert und die Liturgie in eine stärker gemeinschaftsbezogene Feier verwandelt wurde.
Aber es wurde nicht nur eine Liturgiereform durchgeführt. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden alle sieben Sakramente liturgisch neu herausgegeben. Der Grad der Textänderung ist sehr unterschiedlich. Unter Paul VI. entstanden neue Ordo-Bücher für jedes Sakrament. Während sich der Text für die Priesterweihe kaum geändert hat, hat sich der Text für die Bischofsweihe stark geändert.
Zwei unterschiedliche Kirchenbilder
Der Eindruck entsteht, dass es seit dem Konzil zwei Kirchenbilder gibt. Zum einen das traditionelle Bild, wie es vor dem Konzil schon war: Man versteht die Kirche als übernatürliche Heilsanstalt, klar abgegrenzt von der Welt, mit eindeutigem Wahrheitsanspruch. Auf der anderen Seite steht das neue Kirchenverständnis des Konzils, das dialogisch-demokratisch, humanistisch, ökumenisch, inklusiv und weltzugewandt ist.
In der kirchlichen Tradition bilden Liturgie, Sakramentenpraxis und Lehre eine unauflösliche Einheit. Die ausschließliche Feier der überlieferten Messe bringt ein Glaubensverständnis zum Ausdruck, in dem Gott und nicht der Mensch im Zentrum steht. Die kniende Mundkommunion ist dabei Ausdruck der realen Gegenwart Christi in der Eucharistie und der Haltung ehrfürchtiger Annahme der göttlichen Gnade. Die in der Tradition nach wie vor stattfindende häufige Beichte vor der Messe ist folgerichtig, da der würdige Kommunionempfang die Versöhnung mit Gott voraussetzt und das Bewusstsein für Sünde, Umkehr und Gnade wachhält.
Maßgeblich für das traditionelle Kirchenverständnis ist das Dogma, das auf dem Konzil von Florenz feierlich formuliert wurde: Extra Ecclesiam nulla salus – außerhalb der Kirche kein Heil. Dieses Dogma wird in der überlieferten Lehre nicht als bloße Negativformel verstanden, sondern als positive Aussage über die von Gott gesetzte Heilsordnung. Christus hat eine sichtbare Kirche gestiftet, und zwar die katholische Kirche. Der Mensch ist daher nicht lediglich zu einer inneren Glaubenshaltung berufen, sondern zur Eingliederung in diese Kirche, die der mystische Leib Christi ist.
Aus dieser Lehre folgt zwingend der missionarische Auftrag der Kirche. Die Verkündigung des Evangeliums zielt nicht primär auf Dialog oder religiöse Koexistenz, sondern auf die Bekehrung des Menschen zu Christus und seine Eingliederung in die Kirche. Diese Pflicht zur Mission ist dabei ausdrücklich nicht als äußere Zwangsausübung zu verstehen, sondern als ernsthafte Aussage über die Wahrheit und das Heil. Wird dieses Dogma relativiert oder umgedeutet, verliert auch der Missionsauftrag seine innere Notwendigkeit und wird durch soziale Arbeit ersetzt.
Dieser Gegensatz prägt heute das kirchliche Leben in vielen Ländern, besonders deutlich in Deutschland. LGBTQ-Symbolik, moraltheologische Neuinterpretationen und kirchliche Reformprozesse wie der Synodale Weg verstärken den Eindruck, dass sich die Kirche zunehmend linken Gesellschaftsordnungen unterwirft, statt die Gesellschaft aus dem Glauben heraus aufzubauen. Besonders im ökumenischen und interreligiösen Bereich tritt an die Stelle des traditionellen Bekehrungsauftrags eine Sprache der Anerkennung, Gleichwertigkeit und Koexistenz, in der konfessionelle und religiöse Unterschiede als nachrangig erscheinen. Damit gerät das Dogma Extra Ecclesiam nulla salus faktisch außer Gebrauch: Nicht mehr die Eingliederung in die Kirche als notwendiger Heilsweg steht im Zentrum, sondern dialogische Offenheit und religiöser Pluralismus. In diesem Kontext treten klassische Glaubensinhalte wie Erbsünde, Gericht, Hölle, Askese und Weltverachtung in den Hintergrund oder werden offen problematisiert, da sie dem Ziel einer möglichst konfliktfreien ökumenischen und interreligiösen Verständigung widersprechen. Der Anspruch der Kirche, alleinige Hüterin der geoffenbarten Wahrheit zu sein, wird in der Praxis aufgegeben.
Die Rolle der Konzilstheologen
Diese Entwicklung ist nicht das Ergebnis einzelner Fehlentscheidungen, sondern das Resultat einer theologischen Strömung, die bereits während des Konzils wirksam war. Auch Joseph Ratzinger gehörte zu den jungen Theologen, die eine Erneuerung der kirchlichen Sprache und Denkformen befürworteten. Zwar bemühte er sich später als Papst, die Konzilstexte im Sinne einer „Hermeneutik der Reform“ zu deuten, doch diese Reform ist durch ihre Widersprüche nahezu unmöglich. Die kirchliche Realität zeigt, dass diese Hermeneutik faktisch gescheitert ist. Ratzingers Grundproblem scheint seine Unklarheit zu sein. Er schreibt deutlich in einer Weise, die von der Dialektik Georg Wilhelm Friedrich Hegel geprägt ist. Statt Dinge klar festzulegen, arbeitet er oft mit Spannungen und Gegensätzen, die er bewusst offenlässt. Das zeigt sich auch in Einführung in das Christentum. Man liest viel über verschiedene philosophische Ansichten und Positionen, aber es bleibt unklar, wie es jetzt wirklich ist.
Unklar und in einer neuen Sprache äußerte sich auch Johannes Paul II. Einerseits hielt er an moraltheologischen Positionen fest, andererseits förderte er interreligiöse Begegnungen und eine Anthropologie, die von traditioneller Seite als personalistisch und subjektivistisch kritisiert wird. Theologen wie Wolfgang Dörrmann argumentieren, dass der Papst als Philosophieprofessor mit der „philosophia perennis“ gebrochen“ und sich der Phänomenologie und Existenzphilosophie zugewandt habe. Am Ende weiß man nicht, was genau geglaubt wird oder geglaubt werden soll. Es bleibt alles in einer gefährlichen Zweideutigkeit, die sowohl konservative als als progressive Strömungen in ihrem Sinne auslegen.
Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist eine Verwirrung. Daraus folgt eine Schwächung des Glaubens und ein Glaubensverlust. Kirchenaustritte, Priestermangel und die Marginalisierung des katholischen Glaubens sind keine zufälligen Phänomene, sondern Symptome einer neuen unklaren Theologie. Was wir heute vorfinden, gleicht einem verwüsteten Weinberg, einer geistlichen Dürre. Die Krise hat ein historisches Ausmaß. Noch nie hat einen so großen Glaubensabfall gegeben. Erzbischof Marcel Lefebvre sprach bereits in den 1970er Jahren davon, dass Rom dabei sei, den Glauben zu verlieren. Die Aussage an sich ist skandalös. Aber das macht sie nicht unwahr.
Kritik entzündet sich am Pontifikat Papst Leo XIV. vor allem dort, wo es zentrale Entscheidungen der unmittelbaren Vorgänger fortführt. Erstens wurde die Linie des interreligiösen Dialogs ausdrücklich bekräftigt, einschließlich der positiven Bezugnahme auf Dokumente wie die Erklärung von Abu Dhabi (2019), deren Aussage zur religiösen Vielfalt ein Traditionsbruch ist. Zweitens bleibt die durch Traditionis custodes (2021) eingeführte Einschränkung der überlieferten Liturgie in Kraft. Drittens wurde auch im ökumenischen Bereich an einer Sprache festgehalten, die seit den römisch-anglikanischen Dialogen des späten 20. Jahrhunderts den „gemeinsamen Glauben der Getauften“ betont, ohne eine lehramtliche Klärung der fortbestehenden dogmatischen Gegensätze vorzunehmen.
Was in letzter Zeit die meiste Kritik verursachte war die lehrmäßige Note Mater populi fidelis („Mutter des gläubigen Volkes“, 2025), die von Papst Leo XIV. approbiert wurde. Darin wird Zweifel an den traditionellen marianischen Lehren gesät, besonders in Bezug auf die Muttergottes als Miterlöserin.
Symptome einer Glaubens-Apokalypse
Vor diesem Hintergrund erscheinen die angekündigten Bischofsweihen nicht als Akt der Provokation, sondern als Ausdruck eines existenziellen Selbstverständnisses: der Überzeugung, dass der überlieferte Glaube nur durch außergewöhnliche Maßnahmen bewahrt werden könne. Niemand kann leugnen, dass ein solcher Schritt kirchenrechtlich problematisch ist. Doch ebenso wenig lässt sich leugnen, dass die Situation, die zu solchen Schritten führt, selbst eine kirchliche Ausnahmelage darstellt.
Die geplanten Weihen sind daher nicht Ursache, sondern Symptom einer Krise, die weit über die Piusbruderschaft hinausreicht. Sie verweisen auf eine Kirche, die innerlich zerrissen ist, auf unversöhnliche Gegensätze im Verständnis von Glaube, Kirche und Welt.
Was bleibt, ist die nüchterne Erkenntnis, dass es für diese Krise keine einfache menschliche Lösung gibt. In einer Zeit, in der kirchliche Autorität und Glaubensgewissheit gleichermaßen erodieren, bleibt dem Einzelnen vor allem die Rückbindung an die Schrift und die Tradition, an die alten Katechismen und Lehrbücher und an Priester, die den Glauben unverändert und unverkürzt verkünden.
Wenn die Rettung kommt, wenn die Krise wirklich überwunden wird, dann nicht durch Strukturen oder Reformprozesse, sondern durch ein Eingreifen Gottes.