Mittwoch, 11. Februar 2026

Warum Familien viele Kinder bekommen oder sich gegen Kinder entscheiden

Die Frage, warum in westlichen Gesellschaften immer weniger Kinder geboren werden, gehört zu den großen demographischen und kulturellen Fragen unserer Zeit. Statistiken verweisen auf sinkende Geburtenraten, alternde Gesellschaften und wachsende soziale Spannungen. Die gängigste Erklärung für diese Entwicklung ist seit Jahrzehnten der sogenannte „Pillenknick“: Mit der Einführung der Antibabypille in den 1960er-Jahren sei die Geburtenrate rapide gefallen, weil erstmals eine verlässliche und einfache Form der Empfängnisverhütung zur Verfügung stand.

Diese Deutung bleibt an der Oberfläche. Sie beschreibt ein technisches Mittel, nicht jedoch die innere Haltung, die kulturelle Stimmung, die geistige Atmosphäre, in der Menschen sich für oder gegen Kinder entscheiden.

Eine weniger beachtete, dafür aber tiefere Erklärung bietet die These vom Kulturbruch. Ihr Kern ist so schlicht wie provokant: Menschen bekommen dann viele Kinder, wenn sie etwas haben, das sie weitergeben möchten. Wenn sie jedoch nichts mehr sehen, das es wert wäre, an die nächste Generation weitergereicht zu werden – wenn sie also „nichts zum Weitergeben“ haben („nothing to pass on“) –, dann entscheiden sie sich gegen Kinder oder für nur wenige.

Der englische Philosoph Joseph Shaw formulierte diesen Gedanken in einem Gespräch mit dem amerikanischen Journalisten Michael Matt in einem YouTube-Video mit The Remnant. Matt sprach aus, was viele bewegt: Angesichts globaler Krisen, kultureller Verwerfungen und politischer Unsicherheiten erscheine es heute geradezu waghalsig, eine große Familie zu gründen. Viele Menschen seien nervös, eingeschüchtert, zögerlich. Wie könne man in einer solchen Welt offen sein für sieben Kinder?

Shaw antwortete überraschend unaufgeregt. Er habe, so sagte er, keine ausgefeilte soziologische Theorie, sondern eine persönliche Beobachtung. Seiner Erfahrung nach hörten Menschen auf, Kinder zu bekommen – oder beschränkten sich auf ein Minimum –, wenn sie das Gefühl hätten, nichts Wertvolles weitergeben zu können. Es gehe nicht in erster Linie um Geld, nicht einmal primär um politische Stabilität, sondern um kulturelle Substanz.

Zur Illustration verwies er auf die westlichen Inseln Schottlands. Nach den sogenannten Clearances und dem wirtschaftlichen Niedergang zerfiel dort die gälische Kultur: Sprache, Musik, Tanz, religiöse Traditionen, die besonderen Ausprägungen protestantischer und katholischer Gemeinden – all das verlor an Kraft oder verschwand ganz. Die Menschen, so schildert Shaw, seien in eine Welt hineingeboren worden, deren kulturelles Fundament bereits erodiert war.

Er erinnerte sich an zahlreiche Männer aus dieser Region, die ihr Leben lang unverheiratet blieben. Sie lebten mit Geschwistern zusammen, führten ein stilles, zurückgezogenes Dasein. Warum hatten sie nie geheiratet? Shaw deutet es so: Sie hatten „nichts zum Weitergeben“ („nothing to pass on“). Was sie selbst empfangen hatten, existierte nicht mehr in lebendiger Form. Die Kultur, die ihrem Leben Sinn und Richtung gegeben hatte, war zerbrochen. Warum also eine Familie gründen, wenn es keine Geschichte mehr gibt, die man weitererzählen kann?

Was in Schottland in konzentrierter Form geschah, sieht Shaw heute in abgeschwächter Weise im gesamten Westen. Die dichte, organische Kultur früherer Generationen – die Lieder, die man sang, die Feste, die man feierte, die religiösen Praktiken, die Erzählungen, die moralischen Gewissheiten – sei weitgehend verschwunden oder durch kommerzielle Ersatzangebote ersetzt worden. Unterhaltung sei allgegenwärtig, aber Tradition im eigentlichen Sinn sei rar geworden.

Gewiss, moderne Gesellschaften bieten Wohlstand, individuelle Freiheit und technische Möglichkeiten. Doch die Frage, ob man Kinder in die Welt setzt, ist keine rein ökonomische. Sie berührt die tiefere Dimension des Sinns. Wer Kinder bekommt, entscheidet sich dafür, Zukunft zu bejahen. Diese Bejahung fällt leichter, wenn man überzeugt ist, dass das eigene Erbe – geistig, kulturell, religiös – fortgesetzt werden soll.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang Shaws Hinweis, dass Empfängnisverhütung allein nicht als Ursache für sinkende Geburtenraten tauge. Er verweist auf muslimische Gemeinschaften, die durchaus Verhütungsmittel nutzen, deren Geburtenraten jedoch vielfach höher liegen als die westlicher Mehrheitsgesellschaften. Der entscheidende Unterschied liege nicht in der Technik, sondern im kulturellen Selbstverständnis. Wer an eine lebendige Tradition glaubt, wer sie als wertvoll empfindet und sie an seine Kinder weitergeben möchte, wird eher bereit sein, Familie zu gründen.

Überträgt man diese Beobachtung auf Europa, drängt sich der Gedanke auf, dass der kulturelle Umbruch um 1968 eine Schlüsselrolle gespielt haben könnte. Die Autoritätskritik, die sexuelle Revolution, die Relativierung religiöser Bindungen und moralischer Normen – all dies markierte einen tiefen Einschnitt. Traditionen wurden nicht nur verändert, sondern vielfach bewusst infrage gestellt oder verworfen. Was über Jahrhunderte als selbstverständlich galt, erschien plötzlich als überholt oder gar unterdrückend.

Interessanterweise zeigen demographische Daten, dass gerade jene Gruppen, die sich diesem kulturellen Bruch zumindest teilweise entzogen haben, weiterhin höhere Kinderzahlen aufweisen. Religiös gebundene Katholiken, evangelikale Christen, orthodoxe Juden oder konservativ geprägte muslimische Gemeinschaften zeichnen sich oft durch größere Familien aus. Der gemeinsame Nenner ist nicht primär ein bestimmtes Einkommen oder ein politisches Förderprogramm, sondern eine klare Identität und die Überzeugung, Teil einer fortdauernden Geschichte zu sein.

In diesem Licht erscheint die Frage nach Kinderreichtum weniger als individuelle Lifestyle-Entscheidung denn als Ausdruck kultureller Verwurzelung. Sie sind eingebettet in Erzählungen, Überzeugungen, Wertvorstellungen. Wenn diese erodieren, schrumpft auch die Bereitschaft, Verantwortung für kommende Generationen zu übernehmen.

Das bedeutet nicht, dass wirtschaftliche Faktoren oder staatliche Anreize bedeutungslos wären. Familienpolitik kann Rahmenbedingungen verbessern. Doch sie kann nicht ersetzen, was kulturell fehlt. Eine Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr schätzt, wird schwerlich überzeugt in ihre eigene Zukunft investieren.

Wenn Shaws Diagnose zutrifft, dann liegt der Schlüssel zu einer neuen Zeit der Familien weniger in Subventionen als in kultureller Erneuerung. Es ginge darum, die eigenen Wurzeln wiederzuentdecken, Dankbarkeit für das überlieferte Erbe zu entwickeln und den Mut zu finden, es nicht nur kritisch zu prüfen, sondern auch bewusst zu bewahren.

Wer etwas hat, das er als wahr, gut und schön erkennt, wird es weitergeben wollen. Wer hingegen den Eindruck hat, dass alles relativ, austauschbar oder bedeutungslos ist, wird eher für sich selbst leben.

So könnte die demographische Frage letztlich eine geistige sein. Nicht zuerst Technik, nicht zuerst Politik, sondern Kultur entscheidet darüber, ob Menschen den Mut haben, Zukunft zu schenken.

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