Verzweiflung als Gesellschaftsprinzip

Die moderne Welt ist eine Welt des Gottestodes. Ein langer historischer Prozess — begonnen in der Renaissance, ideologisch ausgearbeitet in der Aufklärung, heute gesellschaftlich und politisch durchgesetzt — hat das Christentum aus dem Zentrum verdrängt und an seine Stelle den Menschen gestellt. Nietzsche beschreibt das Glaubensbekenntnis der modernen Welt in seinem Aphorismus „Excelsior“: „Es gibt für dich keinen Vergelter, keinen Verbesserer letzter Hand mehr — es gibt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht, keine Liebe in dem, was dir geschehen wird.“

Der Mensch sucht seitdem sein Glück in Lust und Konsum. Der französische Philosoph Michel Onfray propagiert mit seiner Université Populaire einen „postmodernen Atheismus“ ohne Metaphysik — stattdessen Pragmatismus und Hedonismus. Moral wird zum Nützlichkeitsrechnen: „Das ist moralisch, was dem Glück der meisten dient.“

Doch gesellschaftlich hat dieser Hedonismus nicht zum Glück geführt. Die Kultur reagiert mit Verzweiflung: Das Horrorgenre blühte nach der sexuellen Revolution auf. Aus Teufels- und Geisterfilmen wurden Zombies — die perfekte Metapher für den gescheiterten Hedonismus. Der Zombie ist das Endprodukt eines Menschen, der nur noch Trieb ist, der sich „ausgelebt“ hat und nur noch existiert. Er ist ein Chiffre für das Scheitern von 1968.

Der zeitgenössische Zombie ist auch die popkulturelle Fortsetzung des Existenzialismus Sartres: „zur Freiheit verdammt“, ohne Essenz, ins Dasein geworfen. Der Überlebende ist Camus‘ moderner Sisyphos — er hält durch, ohne Hoffnung, nur um dem unvermeidlichen Schicksal etwas länger zu entkommen.

Die Hoffnungslosigkeit wurde in den 1960er-Jahren in die Massenkultur übersetzt — durch Musik, die gezielt moralische Grenzen auflöste. Die Rolling Stones wurden zu den Propheten dieser neuen Ordnung. Nicht nur ihre Musik, sondern ihre gesamte Ästhetik — Drogenkonsum, sexuelle Freizügigkeit, bewusste Provokation — wurde zum Lebensprogramm für Millionen junger Menschen.

Es war systematisch. Während die Kirche noch von Tugend sprach, predigten die Rolling Stones „Brown Sugar“, Lust ohne Scham, Rebellion ohne Ziel. Andere Bands folgten: The Who, Led Zeppelin, später Pink Floyd — sie alle trugen zum selben Projekt bei: der Auflösung christlicher Moral durch Hedonismus. Die Musik war nicht zufällig libertär; sie war der Soundtrack einer bewussten Kulturrevolution.

Doch während die frühen Rockkünstler noch Rebellion zelebrierten, wurde die Botschaft über Jahrzehnte verzweifelter. The Prodigy veröffentlichten 2015 das Album „The Day Is My Enemy“ — ein musikalisches Manifest der Verzweiflung. Der Titel selbst ist ein Programm: Der Tag, das Leben, die Existenz selbst werden zum Feind erklärt. Es ist nicht mehr Rebellion gegen eine moralische Ordnung; es ist die Verweigerung, dass überhaupt eine Ordnung existiert. Die Musik ist aggressiv, chaotisch, ohne Melodie im klassischen Sinne — sie ist die Soundlandschaft einer Welt, in der es keinen Halt mehr gibt.

Heute ist diese Revolution vollständig institutionalisiert. Moderne Musik verherrlicht nicht mehr nur Sinnlichkeit — sie zelebriert Verbrechen als Lebensstil. Rap und Trap glorifizieren Drogenhandel und Gewalt. Der künstlerische Anspruch ist gefallen; geblieben ist die reine Verherrlichung von Trieb und Destruktion.

Parallel dazu hat sich die Unterhaltungsindustrie des gleichen Mittels bedient: Das Computerspiel Grand Theft Auto (GTA) ist das wohl deutlichste kulturelle Dokument unserer Zeit. Es macht keinen Hehl aus seinem Projekt: Es verherrlicht Diebstahl, Mord, Totschlag und sexuelle Grenzüberschreitungen als Gameplay, als Vergnügen.

Es braucht nicht zu wundern, dass junge Menschen, die eine Alternative suchen, ihre Hoffnung im Islam oder politischen Ideologien suchen. Denn die katholische Kirche in Deutschland hat sich durch ihre Modernisierung selbst als Ort der Gottsuchenden weitgehend disqualifiziert — während die Welt ihnen Verbrechen und Sinnlichkeit anbietet.

Es braucht auch nicht zu wundern, dass Geburtenraten sinken, dass Euthanasie und Abtreibung gesellschaftliche Forderungen werden: Das ist die natürliche Folge einer hoffnungslosen Ordnung. Was ist der Mensch ohne Gottebenbildlichkeit? Ein CO₂-Verbraucher, ein Problem für den Planeten. Der Humanismus ist einer Ökoideologie gewichen, die neue Sünden und Bußgelder kennt.

Roger Scruton hat es prägnant gesagt: Der Progressive ist Optimist und verzweifelt, der Konservative Pessimist und hoffnungsvoll. Diese Hoffnung gründet nicht in Wünschen oder der Umsetzung eigener Vorstellungen. Sie ist gegründet in Gott und der Erwartung der kommenden Welt — eine scheinbar paradoxe „Weltverneinung“, die gerade deshalb Frieden gibt, weil sie nicht von dieser Welt ist.

Es ist diese Entweltlichung, die Ja zu Kindern, zu Volk, zu Kultur und zu sich selbst sagen lässt. Es werden Christen sein, die Europa wieder aufbauen — nicht, weil sie utopische Pläne haben, sondern weil sie auf einem Fundament aus dem Himmel bauen.

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