Die Attraktivität der Moderne

Wenn das Fundament der Moderne der Gottestod ist und Verzweiflung ihre Grundstimmung darstellt, stellt sich eine Frage: Warum gibt es die Moderne überhaupt? Kann etwas, das auf rein negativen Dingen gründet, überhaupt bestehen? Es gibt noch etwas, das die Moderne attraktiv macht.

Im Mittelalter war die Gesellschaftsordnung durch das Jenseits bestimmt. Das irdische Leben wurde als Jammertal verstanden, das sich dem Dienst des ewigen Heils unterzuordnen hatte. Armut, Demut und Leiden waren nicht nur Strafen, sondern Mittel zum Heil. Die Moderne kehrt diese Ordnung fundamental um. Ihr Versprechen lautet: Schluss mit dem Jammertal! Fang an zu leben! Jetzt!

Die Moderne verspricht nicht weniger als: Freiheit, Macht und Glück im Hier und Jetzt. Sie ist die Machtergreifung des Menschen gegenüber seinem Schicksal. Der Mensch wird zum Schmied seines Glücks. Er nimmt sein Schicksal in die eigenen Hände. Wie Bertolt Brecht in einem seiner Gedichte schreibt, geht es nicht mehr darum, hoffnungsvoll auf Rettung zu warten – darauf, dass ein Kahn kommt und mich rettet. Nein, der moderne Mensch erkennt, dass er selbst ein Kahn sein muss: „Als aber kein Kahn in Sicht kam, gab er diese Hoffnung auf und hoffte, daß das Wasser nicht mehr steigen möchte. Erst als ihm das Wasser bis ans Kinn ging, gab er auch diese Hoffnung auf und schwamm. Er hatte erkannt, daß er selber ein Kahn war.“

Dieses Versprechen wird in den Gründungsdokumenten westlicher Zivilisationen festgeschrieben. Die Unabhängigkeitserklärung der USA formuliert es unmissverständlich: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“

Bemerkenswert ist, was hier nicht vorkommt: Kein Wort von Erlösung durch Christus oder vom Himmelreich. Der im Text genannte „Schöpfer“ ist hier lediglich ein Garant dafür, das der Staat dieses Prinzip nicht aufheben kann. Er fungiert als liberale Versicherung. Die Moderne säkularisiert das Heilsversprechen und verlegt es ins Diesseits. Sowohl der Liberalismus als auch der Sozialismus teilen diesen materialistischen Kern, auch wenn sie unterschiedliche Wege zum Glück propagieren.

Und man muss zugeben: Die materiellen Versprechen der Moderne sind beeindruckend erfüllt worden. Während man im Mittelalter froh war, nicht zu hungern oder zu erfrieren, haben wir heute Nahrung im Überfluss, beispiellose Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, Krankenversicherung für alle, und die Fähigkeit, per Flugzeug die gesamte Welt zu bereisen.

Für den Wohlhabenden sind praktisch keine Grenzen mehr gesetzt. Sein Lebensstandard übertrifft den des reichsten Königs des Mittelalters um ein Vielfaches. Hat die Moderne es also geschafft? Hat sie den Menschen wirklich befreit, erlöst, gebildet, reich und glücklich gemacht?

Interessanterweise zeigt sich: Materieller Wohlstand ist zwar angenehm, aber er löst nicht die eigentlichen Grundprobleme des Menschen. Wenn man nämlich annimmt, dass die echten Grundprobleme des Menschen nicht wirtschaftlich, nicht psychisch, nichts mit Bildung oder Armut zu tun haben, sondern mit seiner Seele, dann sieht die Sache völlig anders aus. Wenn es um Befreiung von Neid, Zorn, Hass, Begierden, Bosheit und Eifersucht geht, und darum, dass Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen, dann hat die Moderne nichts verbessert. Im Gegenteil: Sie hat diese seelischen Probleme noch verstärkt.

Die Attraktivität der Moderne liegt ausschließlich auf der Ebene der menschlichen Natur. Ein Popstar kann verzweifelte Lieder singen und seelisch zerstört sein – der Moderne ist das gleichgültig. Sie bewertet nach anderen Kriterien: Ist er beliebt? Ist er stark und beeindruckend? Wirkt er mächtig? Die Moderne verehrt den Übermensch – den Menschen, der die Verzweiflung durch eigene Kraft und Macht durchsteht. Sie rückt biologische Überlebensinstinkte zur Maxime auf, wie in heidnischen Zeiten. Der Wille zur Macht wird kreativ ausgelebt und wird zum schützenden Dach. Es geht um die rohen Bedürfnisse, und diese lassen sich noch besser mit viel Luxus ausleben.

Das zentrale Versprechen der modernen Ideologie lautet: Der Mann kann seine Bedürfnisse ausleben, die Frau ebenso. Das Leiden beider wird durch Wohlstand und Medizin gelöst. Ein Satz fasst dieses Versprechen zusammen: „If you can dream it, you can make it.“ – Walt Disney Das ist die Urverheißung der modernen Ideologie: Wir versprechen dir den Himmel auf Erden, zumindest ein gutes Leben, wenn du entsprechend mitarbeitest. Die Wolkenkratzer, Hollywood und alle Großprojekte der Moderne ruhen auf diesem Versprechen.

Doch diese Verheißungen brechen zunehmend auseinander. Es wird immer deutlicher, dass der soziale Frieden in den USA weniger von ihren utopischen Glücksverheißungen kam, sondern von ihrer noch vorhandenen christlichen Sozialstruktur. Da diese aber erodiert, zerfällt auch die soziale Ordnung. Es entstehen immer mehr Ghettos, Drogenabhängige und Obdachlose.

Europa hat heute hat das Christentum aufgegeben, ohne eine echte säkulare Verheißung an seine Stelle zu setzen. Französische Filme enden fast immer tragisch. Der moderne Übermensch empfindet das Leben als ausweglos – etwas, das man nur noch durch Drogen, Sexualität und Reisen erträglicher gestalten kann. Wenn man nicht mehr an das Christentum glaubt, sind die Angebote der Moderne zwar kein gleichwertiger Ersatz – sie kennen keinen Himmel und keine ewige Glückseligkeit mehr. Aber: Sie sind das Beste, was es in einer hoffnungslosen Welt gibt. Der Humanismus muss sich daher so aufstellen, dass er die Bedürfnisse des Menschen optimal befriedigt.

Das ist das Ziel der modernen Politik und der postchristlichen Gesellschaftsordnung: So viel Lust erfahren und so viel Leid vermeiden wie möglich. Amazon und Aspirin.

Der Pfarrer von Ars sagte einmal: „Wer Gott nicht liebt, hängt sein Herz an Dinge, die wie Rauch vergehen.“ Die Moderne baut auf Verheißungen auf, die zwar faszinierend sind, aber keine Stabilität haben. Nobel geht die Welt zugrunde. Armut baut sie wieder auf.

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