Seit Jahren verfolge ich den Katholikentag nur noch aus der Ferne durch Skandalpostings in sozialen Medien und Nachrichten, die eher links angehaucht wirken. Das diesjährige Motto „Hab Mut, steht auf“ scheint vornehmlich eine politische Botschaft zu sein, gerichtet gegen die AfD und andere Bewegungen. Doch bei all dieser Auseinandersetzung stellt sich mir eine grundsätzlichere Frage: Führt solch eine politische Ausrichtung wirklich dazu, dass Menschen zum Glauben finden, ins Kloster eintreten oder Priester werden?
Es gibt einen beängstigenden Trend, der sich über Jahrzehnte erstreckt: Der Glaube wird entweder politisch gedeutet, wie es die linken Kreise tun, oder er wird als bloße Motivation instrumentalisiert, wie es aus liberal-konservativen Strömungen kommt. Beides verfehlt das eigentliche Wesen des Glaubens.
Die wahre Tiefendimension des Glaubens geht dabei verloren. Denn echter Glaube ist mehr als eine Motivation oder eine politische Botschaft. Er ist ein Sicheinlassen auf Christus, den Erlöser und Heiland, den Heiler und Retter. Es ist ein Neugeschaffenwerden durch die Sakramente und die Gnade – ein tiefgreifendes Neuwerden des gefallenen Menschen.
Der Weg dahin ist klar aber schwierig: Man kann nicht wirklich glauben oder heilig werden, ohne zu lernen, demütig zu werden. Das Gegenteil aber scheint der moderne Katholikentag zu vermitteln: Aktivismus statt Kontemplation, politische Lautstärke statt innere Stille.
Um zu verstehen, worauf es im Glauben wirklich ankommt, lohnt sich ein Blick auf einen großen Heiligen der Kirche: Josef von Copertino. Sein Leben ist ein radikales Zeugnis der Macht der Demut und zeigt, wie unglaublich der Glaube wirken kann.
Im Jahr 1603 wurde Josef in dem kleinen italienischen Bauerndorf Copertino geboren. Sein Vater starb, bevor Josef das Licht der Welt erblickte. Als Kind war er häufig krank. Eine schwere Krankheit heilte, wie Josef glaubte, durch die wunderbare Fürsprache der Muttergottes. Josef war fromm, doch in den Augen der Welt und auch der Kirche galt er als einfältig, ja sogar als dumm.
1620 trat Josef in das Kapuzinerkloster in Martina Franca ein, voll Sehnsucht, ein Mönch zu werden. Doch schon wenig später wurde er entlassen. Die Kapuziner urteilten: Er sei geistlos, körperlich schwach, intolerant im Geist und unfähig zur körperlichen Arbeit. Als man ihm sein Ordensgewand wieder fortnahm, fühlte sich Josef, als würde man ihm die Haut vom Leib reißen.
Er traute sich nicht nach Hause zu gehen, aus Angst vor den Vorwürfen seiner Mutter. Verloren wanderte er umher, suchte seinen Onkel auf, der ihn beschuldigte, unfähig und ein Vagabund zu sein, mit den gleichen Fehlern wie sein Vater. Sein Onkel verlangte von ihm sogar, die Schulden des verstorbenen Vaters zu begleichen.
Trotz aller Anklagen und Demütigungen nahm sein Onkel ihn schließlich auf. Zu Ostern brachte er Josef zurück nach Copertino, direkt in die Vorwürfe seiner Mutter. Doch Gottes Vorsehung wirkte: Die Mutter überredete einen Superior, Josef als Oblaten im Franziskanerkloster Santa Maria della Grottella aufzunehmen.
Im Franziskanerkloster erkannte man endlich Josefs wahre Tugenden. Er wurde als Novize aufgenommen und sollte Priester werden. Doch Josef wusste: Auf normalem Weg könnte er nie Priester werden. Ihm fehlte die Intelligenz, um die theologischen Prüfungen zu bestehen. Er konnte das Evangelium nicht aufsagen, mit einer einzigen Ausnahme: Lukas 11,27.
Um Diakon zu werden, musste man das Evangelium kennen. Die Prüfung würde kurz vor der Weihe stattfinden. Wie sollte Josef nur bestehen? Er vertraute auf Gott und ging zur Prüfung.
Der Monsignor, der die Prüfung abhielt, öffnete das Evangelium. Seine Augen fielen auf eine Stelle. Und ausgerechnet, wunderbar ausgerechnet, auf Lukas 11,27. Die einzige Stelle, die Josef kannte! Er bestand die Prüfung und wurde am 20. März 1627 zum Diakon geweiht.
Die Prüfung zur Priesterweihe war noch schwieriger. Der Prüfer galt als besonders rigoros. Doch die ersten Kandidaten antworteten so brillant, dass er alle durchwinken ließ. Josef musste nicht einen Satz sprechen. Am 4. März 1628 wurde er zum Priester geweiht.
Nach seiner Priesterweihe begannen die Levitationen, das Fliegen. An Heiligabend flog Josef wie ein Vogel durch die Luft zum Altar, mehr als zehn Meter weit, und umarmte das Tabarnakel mit beiden Händen. Von diesem Moment an war Josef in ekstatischer Vereinigung mit Gott. Immer wieder kam es zu Levitationen, besonders an Feiertagen.
Er wurde gesehen, glühend und hell leuchtend, mit Glut in seinen Händen, ohne zu verbrennen. Josef besaß prophetische Gaben und kannte die Geheimnisse anderer Menschen. Er konnte von weitem böse Einflüsse riechen und aufdecken.
Krankheiten heilte er mit dem Kreuzzeichen, mit dem Segen des heiligen Franz von Assisi oder mit dem Öl seiner Lampe. Seine Worte waren einfach: „Meine Kinder, vertraut Gott.“ Und es wirkte, immer wieder, überall, unzählige Wunder offenbarten die Herrlichkeit und Macht Gottes.
Josef von Copertino lehrt uns etwas, das der modernen Kirche abhanden gekommen zu sein scheint: Je kleiner man ihn machte, desto größer wurde er. Je mehr er gedemütigt wurde, desto mehr erhob Gott ihn. Sein Leben ist das lebendige Zeugnis des Magnificat: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ Einer demütigen und glaubenden Seele ist alles möglich.
Doch Demut gibt es nicht umsonst. Sie beginnt mit Demütigungen. Sie erfordert, dass wir lernen, nicht die Welt zu verbessern, sondern uns selbst zu ändern. Nicht lauter zu werden, sondern stiller. Nicht mehr Macht zu ergreifen, sondern mehr Gnade zu empfangen.
Das ist die Tiefe des Glaubens, die wir verloren haben. Der Katholikentag mit seinen politischen Botschaften wird Menschen nicht zum Glauben bringen, sondern noch weiter von Gott entfernen.