Die Dominikaner – ihr Ordenskürzel OP steht für Ordo Praedicatorum, Predigerorden – gelten traditionell als die schärfsten Konkurrenten der Jesuiten. Ein Witz aus dem Dominikanerorden bringt diese Rivalität auf den Punkt:
„Die Dominikaner wurden gegründet, um die albigensische Häresie zu besiegen, und die Jesuiten wurden gegründet, um die protestantische Reformation zu besiegen. Wie viele Albigenser siehst du heute herumlaufen?“
Der Predigerorden wurde 1216 päpstlich bestätigt und entstand damit nur wenige Jahre nach der franziskanischen Bewegung. Dominikaner und Franziskaner bildeten die beiden großen Bettelorden des Hochmittelalters. Zugespitzt könnte man sagen: Was die Franziskaner für das Ideal der Armut und die tätige Nächstenliebe sind, das sind die Dominikaner für Predigt, Studium und Theologie. Gebet, gemeinschaftliches Leben, wissenschaftliches Studium und Verkündigung bilden im Dominikanerorden keine voneinander getrennten Bereiche, sondern eine Einheit. Alles Studium ist letztlich auf die Predigt und das Heil der Seelen ausgerichtet.
Gegenüber den erst Jahrhunderte später entstandenen Jesuiten haben die Dominikaner einen besonderen Vorzug: Sie sind ganz in der hochmittelalterlichen Synthese von Glaube und Vernunft, Kontemplation und Wissenschaft, Liturgie und apostolischem Wirken verwurzelt. Sie verkörpern damit in besonderer Weise die ganzheitliche christlich-abendländische Tradition. Aus dem Orden gingen einige der bedeutendsten Theologen, Kirchenlehrer, Mystiker, Prediger und Päpste der Kirchengeschichte hervor.
Das Besondere an den Dominikanern ist, dass im Mittelpunkt ihrer Mission die Predigt steht. Sie glauben an die Überzeugungskraft des vernünftig dargelegten Glaubens und an die Macht des Wortes, Menschen für Christus zu gewinnen. Der Dominikaner soll nicht lediglich reden, sondern zunächst beten, betrachten und studieren. Sein Ideal wird in dem Thomas von Aquin zugeschriebenen Grundsatz zusammengefasst: contemplari et contemplata aliis tradere – betrachten und das Betrachtete anderen weitergeben.
Zu den großen Kapiteln der dominikanischen Geschichte gehört auch die Verteidigung der amerikanischen Ureinwohner gegen koloniale Ausbeutung. Bereits 1511 erhob der Dominikaner Antonio de Montesinos auf Hispaniola öffentlich seine Stimme gegen die Misshandlung der Indigenen. Seine Predigt beeinflusste Bartolomé de Las Casas, der später selbst in den Dominikanerorden eintrat. Las Casas trat im 16. Jahrhundert auf der Grundlage des Naturrechts, der gemeinsamen menschlichen Würde und des christlichen Glaubens gegen Versklavung, Zwangsbekehrung und die Grausamkeiten der Kolonialherrschaft auf. Damit gehört er zu den wichtigen Vorläufern des neuzeitlichen Menschenrechtsgedankens.
Der heilige Dominikus und die Gründung des Ordens
Der Ordensgründer Dominikus wurde um 1172 oder 1173 in Caleruega bei Burgos in Kastilien geboren. Er studierte in Palencia und wurde später Regularkanoniker am Domkapitel von Osma. Während einer Hungersnot verkaufte er der Überlieferung zufolge seine kostbaren Bücher, um den Erlös den Armen zu geben. Darin zeigte sich bereits das spätere dominikanische Ideal: Das Studium besitzt einen hohen Wert, darf aber niemals von der Liebe zu Gott und zum Nächsten getrennt werden.
Auf Reisen mit seinem Bischof Diego von Osma begegnete Dominikus zwischen 1203 und 1206 in Südfrankreich den Katharern oder Albigensern. Diese beeindruckten viele Menschen durch ihre strenge Lebensweise und ihre geschulten Prediger, vertraten jedoch eine dualistische Lehre, nach der die materielle Welt als böse galt. Dominikus erkannte, dass diese Bewegung nicht allein durch kirchliche Verurteilungen oder äußere Gewalt überwunden werden konnte. Er setzte ihr eine Verbindung aus apostolischer Armut, persönlichem Vorbild, theologischer Bildung und geduldiger Auseinandersetzung entgegen. Während der Albigenserkreuzzug mit militärischen Mitteln geführt wurde, widmete sich Dominikus vor allem der Predigt und dem religiösen Gespräch.
Im Jahr 1215 entstand in Toulouse die erste feste Gemeinschaft der Predigerbrüder. Dominikus wollte keinen ortsgebundenen Mönchsorden im herkömmlichen Sinne, sondern eine bewegliche, wissenschaftlich gebildete Gemeinschaft von Priestern und Brüdern, die zur Predigt ausgesandt werden konnten und in evangelischer Armut lebten. Papst Innozenz III. verlangte jedoch, dass die Gemeinschaft eine bereits kirchlich bestätigte Regel annahm. Daher entschieden sich Dominikus und seine Brüder für die Augustinusregel, die sie durch eigene Konstitutionen auf ihren besonderen Predigtauftrag ausrichteten. Papst Honorius III. bestätigte die Gemeinschaft am 22. Dezember 1216; eine weitere Bulle vom 21. Januar 1217 bezeichnete sie ausdrücklich als „Predigerbrüder“ und übertrug ihr einen allgemeinen Predigtauftrag.
Dominikus handelte kühn. Bereits 1217 sandte er seine wenigen Brüder aus Toulouse fort, unter anderem nach Paris, Bologna, Rom und Spanien. Er suchte bewusst die großen Städte und Universitäten auf, weil der neue Orden dort studieren, lehren, neue geistige Strömungen kennenlernen und Prediger ausbilden konnte. Innerhalb weniger Jahre entstanden Niederlassungen in Frankreich, Spanien, Italien, England, Deutschland und Ungarn. Zwischen 1217 und 1222 wuchs der Orden auf etwa 40 Niederlassungen in acht Provinzen an.
Nach dominikanischer Überlieferung erschien die Gottesmutter dem heiligen Dominikus um das Jahr 1208 in der Nähe von Prouille in Südfrankreich, als seine Predigt gegen die albigensische Irrlehre zunächst nur geringe Erfolge zeigte. Dominikus zog sich deshalb für mehrere Tage in Gebet, Fasten und Buße zurück und flehte die Muttergottes um Hilfe an. Daraufhin, so die Überlieferung, hat Maria ihm den Rosenkranz übergeben und aufgefordert, die Geheimnisse des Lebens, Leidens und der Auferstehung Christi in Verbindung mit dem wiederholten Gebet des Ave Maria zu verkünden.

Die traditionellen Attribute des heiligen Dominikus sind die Lilie als Zeichen seiner Reinheit, das Buch als Zeichen von Studium und Verkündigung, der Stern als Sinnbild des Lichtes der Wahrheit sowie der Hund mit einer brennenden Fackel. Letzteres geht auf einen Traum seiner Mutter zurück: Sie soll vor seiner Geburt einen Hund gesehen haben, der mit einer Fackel im Maul die Welt erleuchtete. Daraus entstand später auch das Wortspiel Domini canes – die „Hunde des Herrn“.
Das eigentliche Charisma des heiligen Dominikus war der Eifer für das Heil der Seelen. Zeitgenössische Quellen stellen weniger spektakuläre Selbstdarstellung als vielmehr seine Milde, seine Freude, seine nächtlichen Gebete, seine Tränen für die Sünder und seine unermüdliche Sorge um die Verkündigung heraus. Seine Größe bestand nicht nur im persönlichen Predigterfolg, sondern vor allem darin, einen Orden geschaffen zu haben, der die Predigt dauerhaft mit Gebet, Armut und wissenschaftlichem Studium verband.
Der große Theologie- und Missionsorden
Dem Dominikanerorden wurden schon früh die theologische Lehre, die Ausbildung von Predigern und der Kampf gegen Irrlehren anvertraut. Seit dem 13. Jahrhundert übernahmen zahlreiche Dominikaner auch Ämter in den päpstlichen Inquisitionstribunalen, wobei die Inquisition weder von Dominikus selbst gegründet wurde noch ausschließlich eine Einrichtung des Dominikanerordens war. Dominikus starb bereits 1221, bevor die päpstliche Inquisition in ihrer späteren Gestalt eingerichtet wurde.
Der Orden entwickelte eine eigene liturgische Tradition, den dominikanischen Ritus, und wurde vor allem durch den Thomismus geprägt. Er brachte mehrere Kirchenlehrer hervor. Zu ihnen gehören der Universalgelehrte Albertus Magnus, sein Schüler Thomas von Aquin und die dominikanische Tertiarin Katharina von Siena. Albertus Magnus verband theologische Gelehrsamkeit mit einer außergewöhnlich breiten Kenntnis der Philosophie und der Naturwissenschaften. Katharina von Siena wirkte als Mystikerin, geistliche Schriftstellerin und Mahnerin der kirchlichen und politischen Verantwortung.
Der bedeutendste Theologe des Ordens und einer der größten Denker der gesamten Kirchengeschichte ist Thomas von Aquin. Er wurde 1224 oder 1225 bei Aquino geboren und trat gegen den Widerstand seiner Familie in den noch jungen Dominikanerorden ein. In Paris und Köln studierte er bei Albertus Magnus. Später lehrte er unter anderem in Paris, Rom und Neapel. Seine Werke verbinden die christliche Offenbarung mit einer umfassenden philosophischen Durchdringung der Wirklichkeit. Vor allem zeigte Thomas, dass zwischen recht verstandener Vernunft und geoffenbartem Glauben kein letzter Widerspruch bestehen kann.
Sein Hauptwerk, die unvollendet gebliebene Summa theologiae, behandelt Gott, Schöpfung, Mensch, Tugenden, Gesetz, Gnade, Christus und Sakramente in einer bis dahin unerreichten systematischen Geschlossenheit. Thomas wurde als Doctor Angelicus, der „engelhafte Lehrer“, und als Doctor communis, der gemeinsame Lehrer der Kirche, bezeichnet. Für die Dominikaner ist seine Theologie nicht lediglich ein historisches Erbe, sondern eine Schule des Denkens: Sie verbindet metaphysischen Realismus, Vertrauen in die Vernunft, Bindung an die Offenbarung und eine auf das letzte Ziel des Menschen ausgerichtete Moral- und Tugendlehre.
Zu den größten Predigern des Ordens gehört der heilige Vinzenz Ferrer. Er wurde 1350 in Valencia geboren, trat 1367 in den Dominikanerorden ein, studierte und lehrte Theologie und wirkte später als Buß- und Volksprediger. In einer Zeit kirchlicher Zerrissenheit durch das Abendländische Schisma zog er durch Spanien, Frankreich, Italien, die Schweiz und weitere Teile Europas. Seine oft stundenlangen Predigten riefen zur Umkehr, zur Buße und zur Vorbereitung auf das Gericht Gottes auf. Er starb 1419 in Vannes und wurde 1455 heiliggesprochen.
Um Vinzenz Ferrer entstand bereits zu Lebzeiten und unmittelbar nach seinem Tod eine außergewöhnliche Wunderüberlieferung. Nach kirchlichen Zusammenfassungen verzeichnete sein Kanonisationsprozess 873 Wunderberichte, darunter 28 Berichte über Totenerweckungen. Die außerordentliche Bedeutung Vinzenz Ferrers beruht jedoch nicht allein auf diesen Wundererzählungen, sondern auf seiner gewaltigen Wirkung als Prediger und Seelsorger.
Die Schule von Salamanca: Begründung der Menschenrechte
Einen neuen Höhepunkt erreichte die dominikanische Theologie im 16. Jahrhundert mit der Schule von Salamanca. Dabei handelte es sich nicht um eine fest organisierte Institution, sondern um eine Gruppe von Theologen, Philosophen und Juristen, die auf der Grundlage des Naturrechts und der Lehre des heiligen Thomas neue politische, wirtschaftliche und völkerrechtliche Fragen behandelten. Zu ihren bedeutenden Vertretern gehörten neben Francisco de Vitoria unter anderem Domingo de Soto, Melchor Cano, Bartolomé de Medina und Domingo Báñez.
Der Dominikaner Francisco de Vitoria übernahm 1526 den angesehenen Lehrstuhl für Theologie an der Universität Salamanca. Er erneuerte dort den theologischen Unterricht auf thomistischer Grundlage und gilt als Begründer der eigentlichen Schule von Salamanca. Angesichts der Eroberung Amerikas fragte er nach den Rechten der indigenen Völker, den Grenzen päpstlicher und kaiserlicher Herrschaft, den Voraussetzungen eines gerechten Krieges und der rechtlichen Ordnung der Völkergemeinschaft.
Vitoria lehrte, dass die Bewohner Amerikas von Natur aus freie Menschen, wirkliche Eigentümer ihrer Länder und Träger eigener politischer Gemeinwesen seien. Weder der Kaiser noch der Papst könnten ihnen allein aufgrund ihres Heidentums Eigentum und Herrschaft nehmen. Mit seiner Vorstellung des totus orbis, der gesamten Welt als einer rechtlich geordneten Gemeinschaft der Völker, wurde Vitoria zu einem der wichtigsten Vorläufer beziehungsweise Mitbegründer des modernen Menschen- und Völkerrechts. Seine theoretischen Überlegungen ergänzten das praktische Eintreten von Las Casas für die Indigenen.
Ganz in diesem Geist ist auch die Bulle Sublimis Deus von Papst Paul III entstanden, veröffentlicht am 2. Juni 1537. Paul III.:
[Der Teufel] veranlasste nämlich einige seiner Helfershelfer, die nichts anderes begehrten, als ihre Habsucht zu befriedigen, dass sie unablässig daraufhin arbeiteten, die Bewohner West- und Südindiens und andere Nationen, von denen wir Kunde erhalten haben, wie Tiere zum Sklavendienst einzuspannen. Sie schützten dabei vor, diese Leute könnten des katholischen Glaubens nicht teilhaftig werden. Als Stellvertreter Christi, unseres Herrn, wiewohl dessen unwürdig, suchen wir mit all unseren Kräften, die Schafe seiner Herde, die uns anvertraut sind und sich außerhalb seiner Herde befinden, in seinen Schafstall hinein zu führen. Wir wissen wohl, dass die Indianer als wirkliche Menschen nicht allein die Fähigkeit zum christlichen Glauben besitzen, sondern zu ihm in allergrößter Bereitschaft herbeieilen, wie man es uns wissen ließ. Aus dem Verlangen, in diese Angelegenheit Ordnung zu bringen, bestimmen und erklären wir mit diesem Schreiben und kraft unserer apostolischen Autorität, ungeachtet all dessen, was früher in Geltung stand und etwa noch entgegensteht, dass die Indianer und alle andern Völker, die künftig mit den Christen bekannt werden, auch wenn sie den Glauben noch nicht angenommen haben, ihrer Freiheit und ihres Besitzes nicht beraubt werden dürfen; vielmehr sollen sie ungehindert und erlaubter Weise das Recht auf Besitz und Freiheit ausüben und sich dessen erfreuen können. Auch ist es nicht erlaubt, sie in den Sklavenstand zu versetzen. Alles, was diesen Bestimmungen zuwiderläuft, sei null und nichtig. Die Indios aber und die andern Nationen mögen durch die Verkündigung des Wortes Gottes und das Beispiel eines guten Lebens zum Glauben an Christus eingeladen werden.“
Auch auf dem Stuhl Petri wirkte der Orden. Der bekannteste heilige Dominikanerpapst ist Pius V., mit bürgerlichem Namen Antonio Michele Ghislieri. Er wurde 1566 zum Papst gewählt und regierte bis 1572. Sein Pontifikat war von persönlicher Askese, strenger kirchlicher Disziplin und der Durchführung der Beschlüsse des Konzils von Trient geprägt. Unter ihm wurden der Römische Katechismus, das reformierte Römische Brevier und das Römische Messbuch veröffentlicht. Damit prägte Pius V. die katholische Liturgie, Priesterausbildung und Glaubensunterweisung für mehrere Jahrhunderte.
Pius V. steht damit für die Fähigkeit des Dominikanerordens, theologische Klarheit, persönliche Heiligkeit und praktische Kirchenleitung miteinander zu verbinden. Er war übrigens nicht der einzige Dominikanerpapst: Vor und nach ihm stammten auch Innozenz V., Benedikt XI. und Benedikt XIII. aus dem Predigerorden.
Die Bedeutung des Ordens endete nicht mit dem Mittelalter. Im 19. und 20. Jahrhundert waren Dominikaner an der Wiederbelebung der thomistischen Philosophie und Theologie beteiligt. 1882 wurde dem Orden die wissenschaftliche Verantwortung für die kritische Gesamtausgabe der Werke des heiligen Thomas, die sogenannte Leoninische Ausgabe, übertragen. 1890 gründete Marie-Joseph Lagrange OP die École biblique in Jerusalem, die zu einem international bedeutenden Zentrum der Bibelwissenschaft und Archäologie wurde.
Ein besonders einflussreicher Vertreter des strengen Thomismus im 20. Jahrhundert war Reginald Garrigou-Lagrange OP. Er lehrte jahrzehntelang an der päpstlichen Universität Angelicum in Rom und verfasste umfangreiche Arbeiten über Metaphysik, Gnadenlehre, Mystik und geistliches Leben. Seine Werke über die drei Wege beziehungsweise Lebensalter des geistlichen Lebens prägten mehrere Generationen von Priestern und Theologen.
Eberhard Welty und die geistigen Grundlagen der frühen Bundesrepublik
Auch in Deutschland entfaltete der Orden noch im 20. Jahrhundert eine bedeutende theologische und gesellschaftspolitische Wirkung. Hohe Eintrittszahlen zwischen den beiden Weltkriegen ermöglichten zahlreiche Klostergründungen und den Ausbau dominikanischer Bildungsstätten. Eine Schlüsselstellung nahm die Ordenshochschule im Kloster Walberberg bei Bonn ein, von der nach dem Zweiten Weltkrieg wichtige sozialethische und politische Impulse ausgingen.
Der bedeutendste Vertreter dieser Richtung war Eberhard Welty OP. Er wurde 1902 geboren, trat 1922 in den Dominikanerorden ein und studierte neben Philosophie und Theologie auch Volkswirtschaft und Soziologie. Seit 1930 lehrte er in Walberberg Moraltheologie und Sozialethik. Welty versuchte, auf der Grundlage der Sozialphilosophie des heiligen Thomas eine moderne katholische Gesellschaftslehre zu entwickeln, die sowohl den Individualismus des Liberalismus als auch kollektivistische und totalitäre Gesellschaftsmodelle überwinden sollte.
Über den damaligen Provinzial Laurentius Siemer OP kam Welty 1941 mit dem „Kölner Kreis“ in Verbindung, einer aus katholischer Arbeiterbewegung und christlichen Gewerkschaften hervorgegangenen Widerstandsgruppe. Welty erarbeitete für diesen Kreis Entwürfe über eine neue Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nach dem erwarteten Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Damit gehörten Welty und Siemer zu den geistigen Wegbereitern der christlich-demokratischen und christlich-sozialen Neuordnung nach 1945.
Welty, Siemer und das Walberberger Umfeld hatten einen bedeutenden Anteil an der politischen und sozialethischen Vorgeschichte der frühen Bundesrepublik und besonders der CDU. Weltys Schriften Was nun? von 1945 und Die Entscheidung in die Zukunft von 1946 beeinflussten die Kölner Leitsätze, das Programm von Neheim-Hüsten und das Ahlener Programm der CDU. Seine Vorstellung eines „christlichen Sozialismus“ beziehungsweise eines „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ verlangte eine gemeinwohlgebundene Wirtschaftsordnung, Mitbestimmung, soziale Gerechtigkeit und die Überwindung eines ungezügelten Kapitalismus.
Laurentius Siemer stellte das Kloster Walberberg dem Kölner Gründerkreis der zunächst als CDP bezeichneten christlich-demokratischen Partei als Ort für Beratungen zur Verfügung; Welty lieferte einen Teil der theoretischen Grundlagen. Nach der Gründungsphase wirkten beide vor allem beratend auf die Sozialausschüsse der CDU ein. 1946 gründeten sie gemeinsam die Zeitschrift Die Neue Ordnung, die bis heute Fragen der katholischen Soziallehre, Politik und Gesellschaft behandelt.
1951 gründete Welty das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg. Dort fanden sozialethische Lehrgänge für Arbeitnehmer, Gewerkschafter, Unternehmer und gesellschaftliche Multiplikatoren statt. Man sprach zeitweise von einer regelrechten „Walberberger Bewegung“. Von 1951 bis 1958 veröffentlichte Welty die ersten drei Bände von Herders Sozialkatechismus, einem in Frage und Antwort aufgebauten Werkbuch der katholischen Sozialethik. Ein geplanter vierter Band über die Wirtschaftsordnung blieb durch Weltys plötzlichen Tod im Jahr 1965 unvollendet.
Diese Walberberger Zeit markiert die letzte politische Relevanz des deutschen Dominikanerordens. Der Orden verband damals thomistische Wissenschaft, katholische Soziallehre, Erwachsenenbildung, Arbeiterseelsorge und politische Beratung. Seine Vertreter waren im öffentlichen Leben der jungen Bundesrepublik präsent und wirkten weit über die Grenzen des eigenen Ordens hinaus.
Nachkonziliare Krise
Seit den 1960er Jahren erlebte der Orden in Deutschland wie fast alle traditionellen Ordensgemeinschaften Westeuropas einen starken Rückgang der Eintritte, eine Überalterung der Gemeinschaften und den Verlust zahlreicher Institutionen. Dieser Niedergang fällt zeitlich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und den anschließenden Reformen zusammen und hat oft auch seine Ursache darin.
Die nachkonziliare Abkehr von der überlieferten Liturgie, der strengen Ordensdisziplin und einer verbindlichen thomistischen Ausbildung verstärkte die Krise erheblich. Wo Studium, gemeinsames Chorgebet, Ordensobservanz und eindeutige Glaubensverkündigung an Verbindlichkeit verloren, wurde auch die besondere dominikanische Identität undeutlicher.
Im Januar 2024 wurden die bisherigen Provinzen Teutonia und Süddeutschland-Österreich zusammen mit den ungarischen Strukturen zu einer gemeinsamen Provinz vereinigt. Der neuen Provinz gehörten bei ihrer Gründung rund 140 Brüder an. Die frühere Provinz Teutonia hatte vor der Fusion noch etwa 100 Brüder an elf Standorten umfasst. Die Zusammenlegung sollte Kräfte bündeln, ist aber zugleich ein Zeichen dafür, dass die früheren Strukturen mit den vorhandenen Berufungen und Personalzahlen nicht mehr ohne Weiteres aufrechterhalten werden konnten.
Wer die große theologische und gesellschaftliche Bedeutung des Ordens im Mittelalter, im Zeitalter der Gegenreformation oder noch in der Walberberger Nachkriegszeit als Maßstab nimmt, muss den heutigen Zustand in Deutschland als schwerste Krise aller Zeiten bezeichnen.
Dominikus starb am 6. August 1221 in Bologna und wurde dort in der später nach ihm benannten Ordenskirche beigesetzt. Papst Gregor IX., der Dominikus persönlich gekannt hatte, sprach ihn am 3. Juli 1234 heilig. Sein Fest wird im traditionellen römischen Kalender am 4. August gefeiert. ( 8. August im Novus Ordo).
Literatur:
Scheeben, Heribert Christian, Dominikus, in: LThK 3 (1931). Sp. 394-395.
Walz, Angelus, OP, Dominikaner, in: LThK 3 (1931), Sp. 382-394).