Klaus sitzt im Wintergarten mit seiner Frau Sabine und seinen Kindern. Draußen ist es kalt, aber die Wärmepumpe beheizt den Raum verlässlich auf 20 Grad. Sie haben sie gerade erst neu einbauen lassen, das ganze Paket mit Solar auf dem Dach und einem Batteriespeicher im Keller.
„Wir müssen schließlich auch was fürs Klima tun“, sagt Klaus und blickt zufrieden in die Runde. Er ist stolz auf seine liberale Haltung. Aus der evangelischen Kirche ist er ausgetreten, er hält die Kirchensteuer für überholt und meint, es brauche ein neues Modell. Aber für den Menschen dazu sein, das sei wichtig. Also gegen die Kirche, das sei er ja nicht.
Seine Tochter Lena reicht ihm den Salat, den sie selbst gemacht hat. „Probier mal, Papa“, sagt sie froh. „Ist Bio, aus nachhaltiger Landwirtschaft.“ Klaus kaut pflichtbewusst. Sabine sitzt daneben. Sie gehört für ihn mittlerweile zur Gewohnheit, aber eigentlich langweilt sie ihn zunehmend. Klaus hat bereits ein Auge auf seine neue Kollegin geworfen. Aber er hat zum Glück genügend Hobbys, um Ablenkung zu finden, und wird wahrscheinlich bei Sabine bleiben. Eine zweite Scheidung ist einfach zu aufwendig und vor allem viel zu teuer.
Es ist ohnehin seine zweite Ehe. Eine Beziehung zu seinen Kindern aus der ersten Ehe hat er nur durch die Gehaltsabrechnung. Sein Sohn Lukas sitzt die ganze Zeit dabei und schweigt. Er hat das Jurastudium abgebrochen und denkt stattdessen über Philosophie nach. Seine Ex-Freundin schreibt ihm ab und zu noch auf WhatsApp, aber er reagiert nicht. Er sieht seinen Vater an, der gerade wieder über die Weltlage redet, über die Politik und wie gut es ist, dass wir in einer freien Gesellschaft leben. Die Fenster sind dreifachverglast, so dringt nichts nach außen.
Klaus räuspert sich, wendet sich von der Weltpolitik ab und schaut zu seinem Sohn. „Schau, Lukas“, sagt er. „Was hast du jetzt vor? Was willst du aus deinem Leben machen? Es lohnt sich gerade jetzt, Ingenieur zu werden. Batterietechnik – das ist die Zukunft! Das ist auch wichtig, um die Klimakatastrophe zu meistern.“
Lukas sagt nichts. Er steht auf und geht in sein Zimmer, macht YouTube an, schaut auf X nach und hat sein Handy an. Dann steigt er auf sein Fahrrad und fährt nach draußen, in die Kälte. Er rollt durch die sauberen Straßen, bis er an einer Kirche vorbeifährt. Plötzlich hört er die Glocken läuten. Lukas bremst ab. Sein Blick fällt auf das große Kreuz an der Wand und den leidenden Christus.