Postchristliche Messianismen: Liberalismus, Kommunismus, Nationalsozialismus und das Influencer-Ich

Waffen klingen, Kanonen schlagen, Revolutionäre rufen: Aux armes, citoyens – zu den Waffen, Bürger. 1789 ist das Todesjahr der Tradition. Das Requiem aeternam deo wird angestimmt. Frankreich, die älteste Tochter der Kirche, wird aus den Angeln gehoben. Die Totenmesse Frankreichs stürzt ganz Europa in den Krieg. Seit dem steht in Europa kein Stein mehr auf dem anderen. Die Philosophie der Aufklärung hat die Philosophie des Christentums in Europa ersetzt.

Was unter „Aufklärung“ zu verstehen sei, beantwortete der katholische Philosoph Ludwig Baur (1871–1943) im Artikel „Aufklärung“ des Lexikons für Theologie und Kirche von 1930 mit bemerkenswerter Schärfe. Er definiert sie als die theoretische und praktische Tendenz, sich von christlicher Offenbarung, Kirche und Tradition als vermeintlicher „Verfinsterung des Geistes“ zu lösen und allein die sola ratio, die Vernunft, als letzte Instanz anzuerkennen. Damit beschreibt Baur den entscheidenden Vorgang nicht bloß als wissenschaftlichen Fortschritt oder als politischen Modernisierungsschub, sondern als Autoritätswechsel. Die Frage lautet fortan nicht mehr zuerst: Was hat Gott offenbart? Was lehrt die Kirche? Was wurde überliefert? Sie lautet: Was kann der autonome Mensch aus eigener Vernunft erkennen und rechtfertigen?

Baur unterscheidet dementsprechend zwischen theoretischer und praktischer Aufklärung. Die theoretische Aufklärung beruhe auf dem Prinzip der „Autonomie der Vernunft“. Diese beanspruche schließlich eine „schrankenlose Herrschaft“ und greife damit auch auf das Gebiet der Offenbarung über. Der Rationalismus wird so zum theologischen Ausdruck eines tieferen geistigen Vorgangs: Der Mensch erkennt keine ihm übergeordnete Instanz mehr selbstverständlich als letzte Autorität an.

Dieser Prozess war lange vorbereitet worden. Die aristotelisch-scholastische Synthese des Mittelalters verlor ihre beherrschende Stellung. Descartes, Bacon, Spinoza, Hobbes, Locke, Rousseau, Kant und andere entwickelten jeweils höchst unterschiedliche philosophische Systeme, doch gemeinsam veränderten sie die Voraussetzungen europäischen Denkens.

Auch die Ethik wurde neu begründet. Moral sollte nicht mehr notwendig aus Offenbarung, Naturrecht und einer objektiven, von Gott gestifteten Ordnung hervorgehen. Sie sollte aus Vernunft, menschlichen Bedürfnissen, gesellschaftlicher Nützlichkeit, Freiheit oder Autonomie hergeleitet werden können.

Dasselbe geschah in der politischen Philosophie. Die mittelalterliche Vorstellung einer sakral eingebetteten politischen Ordnung wich allmählich Theorien des Gesellschaftsvertrages, der Volkssouveränität, der individuellen Rechte und schließlich der Trennung von Religion und politischer Herrschaft.

Die Aufklärung ist deshalb mehr als eine philosophische Epoche. Sie bezeichnet einen tiefgreifenden Bruch in der europäischen Vorstellung davon, wer oder was letztlich über den Menschen verfügen darf.

Man muss sich die Dimension dieses Wandels vor Augen führen. Über viele Jahrhunderte hinweg war das Christentum in Europa nicht eine Weltanschauung unter anderen. Es bildete den Horizont, innerhalb dessen sich Gesellschaft verstand. In der Mitte der Dörfer stand die Kirche. Über den Städten erhoben sich die Türme der Kathedralen. Der Kalender war Kirchenjahr. Geburt, Ehe und Tod waren sakramental eingebettet. Universitäten entstanden innerhalb einer christlichen Zivilisation. Malerei, Musik, Architektur, Philosophie, Recht, Armenfürsorge, Feiertage und Alltagsrhythmus waren vom Christentum geprägt. Die grundlegende Frage war kaum umstritten: Der Mensch war Geschöpf, nicht Schöpfer seiner selbst. Sein Leben besaß ein Ziel jenseits dieses Lebens. Die Welt war nicht das Letzte. Der Tod nicht die absolute Grenze. Erlösung konnte der Mensch sich nicht selbst geben.

Genau diese Gewissheit beginnt in der Moderne ihre politische und kulturelle Selbstverständlichkeit zu verlieren. Die amerikanische Verfassungsordnung und anschließend in radikalerer Form die Französische Revolution markieren wichtige Etappen dieses Übergangs. In Frankreich wird der Traditionsbruch besonders gewaltsam sichtbar. Klöster werden zerstört, Kirchengüter eingezogen, Geistliche verfolgt und ermordet, neue revolutionäre Kulte geschaffen. Später erschüttern die napoleonischen Kriege die alte europäische Staatenordnung. 1806 endet das Heilige Römische Reich. Die alte Ordnung kehrt auch nach Napoleons Niederlage nicht wirklich zurück. Die Geschichte hat ihre Richtung verändert.

Der Mensch tritt an die Stelle der Vorsehung

Mit der Säkularisierung hört der Mensch nicht auf, nach Erlösung zu suchen. „Säkularisierung“ ist deshalb keine Verwaltungsreform im Sinne einer staatlichen Aufsicht über religiöse Gebäude und religiöses Eigentum, sondern vielmehr ein weltanschaulicher Wendepunkt: Die Erlösung wechselt von Christus auf neue, nicht-christliche Alternativen. Der Mensch hört nicht auf, nach einem Paradies zu verlangen, nur weil er den Himmel verworfen hat. Er hört nicht auf, an das Ende des Leidens zu glauben, nur weil er die christliche Eschatologie zurückweist.

An die Stelle der christlichen Erlösung treten dann Vorstellungen innerweltlicher Erlösung. Das Paradies soll nicht mehr jenseits der Geschichte liegen. Es soll innerhalb der Geschichte hergestellt werden. Nicht Gott vollendet die Welt – der Mensch soll es tun. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte der modernen politischen Heilslehren.

Der Liberalismus ist die älteste und zugleich erfolgreichste dieser modernen Bewegungen. Dabei muss man vorsichtig sein: Es gibt nicht den Liberalismus. Dennoch lässt sich eine Grundbewegung erkennen. Der Einzelne soll aus überlieferten Bindungen freigesetzt werden. Er soll Eigentum erwerben, Verträge schließen, seinen Beruf wählen, seine Meinung äußern, seine Religion wählen und sein persönliches Glück verfolgen dürfen. Was geschieht, wenn Freiheit nicht mehr Mittel zum Guten, sondern selbst zum höchsten Gut wird? Dann verändert sich der Begriff der Freiheit. Freiheit bedeutet nicht mehr zuerst die Fähigkeit, das Gute zu tun. Sie bedeutet zunehmend die Möglichkeit, selbst festzulegen, was für mich gut ist.

Der religiöse Glaube wird unter solchen Voraussetzungen zu einer persönlichen Option. Er darf bestehen, aber er verliert den Anspruch, öffentliche Wahrheit zu sein. Katholizismus, Protestantismus, Atheismus, Buddhismus oder irgendeine private Spiritualität stehen aus Sicht des liberalen Staates nebeneinander. Was juristisch als Religionsfreiheit erscheint, bedeutet kulturgeschichtlich zugleich einen gewaltigen Wandel: Das Christentum ist nicht länger die selbstverständliche objektive Grundlage der Gesellschaft. Es wird zur Entscheidung des Einzelnen. Der Mensch wählt seine Religion wie andere Bestandteile seiner Biographie. Damit wird der christliche Glaube zu einer reinen subjektiven Geschmacksfrage und objektiv irrelevant.

Damit verändert sich auch die Vorstellung vom Glück. Das gute Leben wird immer stärker mit individueller Selbstbestimmung, Wohlstand, Konsum, beruflichem Erfolg und persönlicher Erfahrung verbunden. Das christliche Memento mori tritt hinter das moderne Versprechen zurück: Du kannst aus deinem Leben machen, was du willst.

Der Kommunismus: Erlösung durch Gleichheit

Doch die liberale Ordnung erzeugt ihre eigene Gegenbewegung. Wo der Liberalismus Eigentum, individuelle Freiheit und Markt hervorhebt, sieht der Kommunismus Ausbeutung, Entfremdung und Klassenherrschaft. Auch hier tritt eine säkularisierte Heilsgeschichte hervor. Es gibt einen gefallenen Zustand: die Klassengesellschaft. Es gibt eine Gruppe, der eine besondere geschichtliche Rolle zukommt: das Proletariat. Es gibt einen großen Kampf: die Revolution. Und es gibt eine kommende versöhnte Welt: die klassenlose Gesellschaft. Das Paradies wird nicht abgeschafft. Es wird historisiert. Der Himmel wird auf die Erde verlegt. Der Kommunismus ist in seinem Kern ein messianischer Materialismus.

Nicht Christus erlöst den Menschen von Sünde und Tod, sondern die Revolution soll den Menschen von Ausbeutung und Entfremdung erlösen. Am Ende steht keine civitas Dei, sondern eine Gesellschaft ohne Klassenherrschaft, in der die Bedingungen menschlicher Entfremdung überwunden sein sollen.

Das Problem ist dabei nicht der Wunsch nach Gerechtigkeit. Dieser gehört selbst zum Kern christlicher Sozialethik. Das Problem beginnt dort, wo die endgültige Erlösung der Menschheit politisch hergestellt werden soll. Denn wer glaubt, das Paradies herstellen zu können, benötigt irgendwann eine Erklärung dafür, warum bestimmte Menschen seiner Verwirklichung im Wege stehen.

Der Nationalsozialismus: Erlösung durch Blut und Macht

Auch der Nationalsozialismus war keine bloße politische Verwaltungsideologie. Er besaß Züge einer politischen Religion – allerdings einer radikal anderen als der Kommunismus. An die Stelle der Klasse tritt die Rasse. An die Stelle universaler Gleichheit tritt radikale Ungleichheit. An die Stelle des christlichen Gedankens einer gemeinsamen menschlichen Würde tritt die biologische Hierarchisierung von Menschen. Die Geschichte wird zum Kampf der Völker und Rassen. Blut, Boden, Abstammung, Führer, Opfer und Volksgemeinschaft erhalten eine quasireligiöse Bedeutung. Der neue Mensch soll nicht durch Gnade verwandelt werden, sondern durch Züchtung, Kampf, Disziplin und Herrschaft entstehen.

Hier erreicht die Idee menschlicher Selbsterlösung eine besonders grausame Form. Eine politische Bewegung beansprucht, den Menschen selbst biologisch neu zu schaffen. Das Leiden soll durch Macht, Selektion und Vernichtung beseitigt werden. Am Ende soll der „rassisch-reine“ gottgleiche „deutsche Mann“ stehen, der durch seinen Willen die Welt regiert.

Nach 1945: der Versuch eines christlichen Neubeginns

Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus gab es durchaus Versuche, Deutschland erneut ausdrücklich auf christliche Grundlagen zu stellen. Gerade die frühen Dokumente der CDU zeigen dies deutlich.

Die Kölner Leitsätze von 1945 forderten eine Rückbesinnung auf christlich-abendländische Werte. Menschenwürde, Familie, Rechtsstaat, soziale Gerechtigkeit und Gemeinwohl wurden ausdrücklich aus einer christlichen Ordnungsvorstellung heraus gedacht. Auch der Berliner Gründungsaufruf der CDU vom Juni 1945 rief zur Sammlung der „christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte“ auf und verlangte eine politische Neuordnung, deren moralische Grundlage wieder christlich bestimmt sein sollte.

Die neueste Religion: Selbstverwirklichung

Die großen totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts sind in Europa überwunden Doch die Sehnsucht nach innerweltlicher Erlösung ist damit nicht verschwunden. Sie hat sich individualisiert. Die Revolution findet heute nicht mehr notwendig auf der Straße statt. Sie findet im eigenen Lebenslauf statt. Der moderne Mensch soll sich „selbst verwirklichen“. Er soll sich optimieren, entfalten, entdecken und immer wieder neu erfinden.

Instagram, TikTok und andere Plattformen liefern die Ikonographie dieser neuen Heilslehre: schöne Körper, exotische Reisen, luxuriöse Wohnungen, Sexualität, Erfolg, Geld, Fitness, Selbstbewusstsein, Jugend und scheinbar ununterbrochenes Glück.

Der Influencer besitzt Follower wie der Anführer eines digitalen Kults. Früher las man Heiligenviten. Heute betrachtet man Morgenroutinen erfolgreicher Unternehmer, Fitnessprogramme, Beziehungstipps und Videos darüber, wie man in sechs Monaten „die beste Version seiner selbst“ wird. Auch die Sprache hat sich verändert. Man müsse „sich selbst finden“. Man müsse „toxische Menschen loslassen“. Man müsse „endlich auf sich selbst hören“. Man müsse „sein bestes Leben leben“. Man müsse „die eigene Wahrheit“ finden. Die Ehe gilt nur noch, solange sie meiner Entwicklung dient. Der Beruf gilt nur, solange er mich erfüllt. Die Heimat gilt nur, solange sie zu meinem Lebensentwurf passt. Die Familie gilt nur, solange sie meiner Selbstverwirklichung nicht im Wege steht.

Sogar der eigene Körper soll schließlich nicht mehr Grenze und Gabe sein, sondern Material eines autonomen Willens. Der moderne Mensch ist dann nicht mehr Geschöpf. Er wird zum Projekt. Der Liberalismus sagte: Du sollst frei sein. Der Kommunismus sagte: Ihr sollt gleich sein. Der Nationalsozialismus sagte: Ihr sollt stark und rein sein. Die Selbstverwirklichungskultur sagt: Du sollst ganz du selbst sein.

Nietzsches Bild vom Tod Gottes behält seineungeheure Kraft. Was geschieht, wenn die Sonne verschwunden ist, um die sich eine ganze Zivilisation gedreht hat? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Wir sind wir auf hoher See, nachdem wir das alte Land hinter uns gelassen haben, ohne zu wissen, ob das neue Land, das wir suchen, überhaupt existiert.

Europa steht auf Säulen, die es zunehmend einreißt. Kathedralen werden vielerorts zu Museen einer Zivilisation, die man fremd findet und für überholt hält. Doch Geschichte verläuft nicht geradlinig. Wir werden wieder Kathedralen bauen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Neueste Artikel

Meistgelesen