Joseph de Maistre (1753–1821) war ein savoyischer Staatsmann, Schriftsteller und einer der schärfsten philosophischen Vordenker der Gegenrevolution. Der Cathwalk erlaubt sich, eine fiktive Antwort im Stil von Joseph de Maistre auf die Enzyklika Leos XIV. „Magnifica humanitas“ zu verfassen:
Mit der Enzyklika Magnifica humanitas hat Papst Leo XIV. das jüngste Goldene Kalb der Moderne ins Auge gefasst: die sogenannte Künstliche Intelligenz. Er mahnt, beschwört das Bild Nehemias, geißelt die Hybris des Turmbaus zu Babel und verlangt, diese neue Technologie zu „entwaffnen“. Doch während Rom versucht, den Ungeheuern des Jahrhunderts mit den Werkzeugen des demokratischen Dialogs und der Sozialethik die Klauen zu feilen, erlaubt sich ein alter Diener des Throns und Altars, das Problem an der Wurzel zu packen. Was der Vatikan als soziale Frage der Gegenwart verhandelt, ist in Wahrheit das logische Endstadium einer tiefen, metaphysischen Krankheit.
Schon der Titel des päpstlichen Schreibens lässt erzittern. Magnifica humanitas – die großartige Menschheit. Welche Menschheit meint Seine Heiligkeit? Es gibt keine „Menschheit“ auf dieser Welt. Ich habe in meinem Leben Franzosen, Italiener, Russen und Engländer gesehen; dank Montesquieu weiß ich sogar, dass man Perser sein kann. Aber der „Mensch“ an sich, diese abstrakte Gottheit der Aufklärung, ist mir noch nie begegnet.
Wenn die Menschheit großartig ist, dann gewiss nicht aus eigener Kraft, sondern einzig durch das Siegel ihres Schöpfers und das vergossene Blut auf Golgotha. Ihn selbst zu preisen, während er im Begriff ist, seine Souveränität freiwillig an Rechenzentren abzutreten, gleicht einem Loblied auf den Gefangenen, der die Ketten schmiedet, die ihn fesseln werden. Der Papst warnt vor dem Transhumanismus – doch dieser ist kein plötzlicher Unfall, sondern das unweigerliche Kind des Hochmuts von 1789. Wer Gott vom Thron stößt, wird früher oder später vor einem Götzen aus Silizium niederknien.
Leo XIV. fordert „klare Kriterien“, „wirksame Kontrollen“ und die Einbindung demokratischer Gesellschaften, um die Macht der Tech-Giganten einzudämmen. Heilige Einfalt! Glaubt man in den Hallen des Vatikans wirklich, dass jene Regierungen, die unfähig sind, die Sitten ihrer eigenen Jugend zu bewahren oder die elementarsten Gesetze der Natur zu verteidigen, das ungreifbare Wesen der Algorithmen bändigen können?
Ein weises Gesetz wird nicht im Parlament beschlossen, es wächst aus der göttlichen Ordnung. Versuchen Sie nicht, die Maschinen zu „demokratisieren“ – das hieße nur, die Anarchie des Netzes mit der Anarchie der Masse zu multiplizieren. Die einzige wirksame Kontrolle über den Geist des Menschen ist der Glaube; die einzige Barriere gegen den Missbrauch der Technologie ist die absolute geistliche Autorität. Wo die Souveränität des Papsttums geschwächt wird, um dem synodalen Zeitgeist oder der globalen Weltgemeinschaft zu gefallen, da verliert das Lehramt genau die Waffen, mit denen es die Dämonen der Technokratie bannen könnte.
Mit besonderem Erstaunen liest man die Passagen, in denen die Enzyklika die Theorie des gerechten Krieges zugunsten eines unbedingten Pazifismus verabschieden will, weil autonome Waffen das menschliche Gewissen ausschalten. Ja, die Auslagerung des Todes an kalte Maschinen ist ein Gräuel. Aber die Annahme, der Krieg lasse sich durch Appelle an die Vernunft oder durch die „Entwaffnung“ der Sprache abschaffen, verkennt die Natur des gefallenen Menschen.
Der Krieg ist ein Gesetz der Weltgeschichte, die schreckliche, aber gerechte Strafe für die Sünden der Völker. Zu glauben, man könne den Krieg verhindern, indem man die künstlichen Systeme reguliert, ist so, als wolle man das Gewitter verbieten, indem man den Blitzableiter demontiert. Nicht die Drohne ist das Problem, sondern das gottlose Herz des modernen Menschen, das sich einbildet, ohne Sühne und ohne absolute Gerechtigkeit Frieden stiften zu können.
Papst Leo XIV. hat recht, wenn er das Bild des Turmbaus zu Babel bemüht. Silicon Valley ist der heutige Versuch, den Himmel zu stürmen, und die Sterblichkeit zu überwinden.
Doch die Antwort der Kirche auf dieses neue Babel darf nicht in sozialethischen Leitplanken oder der Einladung zur gemeinsamen „Baustelle der Geschichte“ liegen. Die Antwort muss lauten: Anathema sit.
Die Kirche muss nicht mit den Architekten von Babel verhandeln, wie hoch der Turm werden darf; sie muss auf den Ruinen warten, die die menschliche Hybris unweigerlich hinterlassen wird. Lassen wir die Tech-Milliardäre ihre Götzen bauen. Sie werden am Ende an ihrer eigenen Sprachverwirrung und der Leere ihrer seelenlosen Schöpfungen zugrunde gehen. Die Magnifica humanitas wird vergehen; die Magnifica Majestas Dei aber bleibt ewig.