„Ein prominenter Sprecher der Sozialausschüsse der CDU sagte kürzlich aus gewerkschaftlichem Zukunftsoptimismus heraus: ‚Die Jammertaltheorie ist falsch!‘ Er meint also offenbar, das Leid unter den Menschen sei mit Lohnerhöhungen zu bewältigen.“
Mit diesen Worten kritisierte Pfarrer Hans Milch 1978 in seiner Predigt über das Königtum Christi den modernen Zeitgeist. Der Glaube, man könne eine bessere Welt rein aus eigener Kraft erschaffen – gleichsam aus Ruinen zu einem neuen Reich der Freiheit auferstehen –, ist kein reines Phänomen des ehemaligen Ostblocks. Diese materialistische Erlösungshoffnung drang mit der Aufklärung auch tief in den Westen vor, wie eine liberale Spielart des Marxismus.
Marx und der Materialismus sind mit dem Fall der Mauer keineswegs verschwunden. Im Kern geht es um einen geistigen Kampf, der bis heute unvermindert andauert. Es ist die fundamentale Frage: Wer bringt die Erlösung – der Mensch sich selbst oder Gott?
Marx und das „Reich der Freiheit”
Der Marxismus ist eine Erlösungslehre. Er hat einen Urstand und einen Fall, ein Exil und eine Verheißung, einen Erlöser und einen Tag, an dem die Geschichte umschlägt. Wer ihn nur als Ökonomie liest, versteht nicht, warum er Menschen so ergriffen hat wie ein Glaube – und warum er dort, wo er zur Staatslehre wurde, die Kirche aufs Schärfste bekämpfte.
Die Frage zwischen ihm und der Kirche ist nicht, ob der Mensch erlöst werden muss. Beide sagen: ja. Die Frage ist, wovon er erlöst wird, wer ihn erlöst und wo die Erlösung stattfindet. Karl Marx schreibt m dritten Band des Kapital: „Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion.“ Und wenige Zeilen später, nach der Beschreibung der rationell geregelten Naturbeherrschung: „Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit.“ Das Wort „jenseits“ fällt hier zweimal. Es ist ein diesseitiges Jenseits.
Engels hat den Übergang dorthin in eine Formel gebracht, die man ohne Übertreibung wie eine säkular endzeitliche Wiederkunft bezeichnen kann: „Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.“ Unmittelbar davor steht der Satz, mit dem der Mensch „in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich“ scheidet. Und am Ende der populären Fassung: „Die Menschen, endlich Herren ihrer eignen Art der Vergesellschaftung, werden damit zugleich Herren der Natur, Herren ihrer selbst – frei. Diese weltbefreiende Tat durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats.“
Auch die übrigen Bauteile sind vorhanden. Der Fall: die Entfremdung, deren Aufhebung Marx als „Rückkehr des Menschen aus Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches, d. h. gesellschaftliches Dasein“ beschreibt. Die Vollendung: Der Kommunismus „ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.“ Die Zeitrechnung: „Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“ Selbst die Geburtsschmerzen fehlen nicht – die kommunistische Gesellschaft geht „nach langen Geburtswehen“ aus der kapitalistischen hervor, und erst „in einer höheren Phase“ kann sie auf ihre Fahne schreiben: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“
Und der Gott dieser Lehre steht ausdrücklich fest. „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Zuvor: „Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“ Die berühmte Formel vom Opium steht im selben Text: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.“ Marx bestreitet nicht, dass der Seufzer echt ist. Er bestreitet, dass es Gott gibt.
Das Reich Gottes
Der Catechismus Romanus behandelt das Reich Gottes bei der zweiten Vaterunser-Bitte und unterscheidet drei Bedeutungen: das Reich der Natur und Vorsehung, das Reich der Gnade und das Reich der Herrlichkeit. In dieser Ordnung steht der entscheidende Satz: Christus habe Pilatus belehrt, „sein Reich sei nicht von dieser Welt, das heißt, es habe keineswegs seinen Ursprung aus dieser Welt, die erschaffen ist und untergehen wird“. Auf jene andere Weise, fährt der Text fort, herrschten Kaiser, Könige, Staaten und Fürsten – „oder die, welche die Herrschaft durch Gewalt und Unrecht an sich gerissen haben“. Noch schärfer die Auslegung des sechsten Glaubensartikels, unter der Kapitelüberschrift, warum Christus in den Himmel aufgefahren und nicht auf der Erde ein Reich errichtet habe: „Christi Reich aber ist nicht irdisch, wie die Juden es erwarteten, sondern geistlich und ewig.“Die Erwartung eines irdischen Reiches wird hier nicht als halbe Wahrheit behandelt, sondern als Irrtum benannt.
Warum das so ist, sagt Thomas von Aquin. Die Glückseligkeit kann nicht in Reichtum, Ehre, Ruhm, Macht, Leib oder Lust liegen – die Reihe der Summa geht sie eine nach der anderen durch, jeweils mit demselben „impossibile est“ – und sie kann überhaupt in keinem geschaffenen Gut liegen: „nichts kann den Willen des Menschen zur Ruhe bringen als das universale Gut. Dieses findet sich in keinem Geschaffenen, sondern allein in Gott.“ Deshalb gilt: „Die letzte und vollkommene Seligkeit kann nur in der Schau des göttlichen Wesens bestehen.“ Und deshalb kann sie in diesem Leben nicht erreicht werden: „Eine gewisse Teilhabe an der Seligkeit kann in diesem Leben gehabt werden, die vollkommene und wahre Seligkeit aber nicht.“
Damit ist auch der Fall anders bestimmt. Im Kern geht es nicht um verkehre Verhältnisse, sondern um die verwundete Natur des Menschen: Die Erbsünde heißt bei Thomas „languor naturae“, ein Siechtum der Natur; vier Wunden bleiben zurück – Unwissenheit im Verstand, Bosheit im Willen, Schwäche im Mut, Begehrlichkeit im Verlangen. Wer aber innerlich verwundet ist, kann sich nicht selbst heilen: „Daher kann weder der Mensch noch irgendein Geschöpf die letzte Seligkeit aus seinen natürlichen Kräften erreichen.“ Das Konzil von Trient hat denselben Satz kirchenrechtlich verhärtet: Wer sagt, der Mensch könne durch seine Werke, sei es aus den Kräften der Natur, sei es durch die Lehre des Gesetzes, ohne die Gnade Gottes durch Jesus Christus vor Gott gerechtfertigt werden – der sei ausgeschlossen.
Erlösung ist darum bei Thomas nichts, was man tut, sondern etwas, das für einen getan wird. „Ein bloßer Mensch konnte für das ganze Menschengeschlecht keine Genugtuung leisten; Gott aber schuldete keine Genugtuung; daher musste Jesus Christus Gott und Mensch sein. „Und der Preis ist nicht Geld: „Christus hat Genugtuung geleistet nicht dadurch, dass er Geld gab oder etwas dergleichen, sondern dadurch, dass er das Größte gab, sich selbst, für uns. Und darum wird das Leiden Christi unsere Erlösung genannt.“ Was der Mensch beisteuert, ist die Annahme. Was er erhält, ist nach Thomas‘ Formel keine bessere Ordnung, sondern „eine Teilhabe an der göttlichen Natur“.
Der Ort: Das eine Reich liegt jenseits der Notwendigkeit, aber innerhalb der Geschichte; das andere jenseits der Geschichte. Der Fall: dort die Verhältnisse, hier die Natur. Der Erlöser: dort eine Klasse, hier eine Person. Das Mittel: dort die Geschichte selbst, hier die Gnade.
Die vierte Differenz ist die folgenschwerste, und sie wird selten benannt. Eine Erlösung, die am Ende der Geschichte eintritt, erlöst niemanden, der vorher gelebt hat. Die Generationen, deren Elend die Anklage begründet, kommen im Reich der Freiheit nicht vor; sie sind dessen Vorgeschichte, sein Material, seine Kosten. Der Catechismus Romanus dagegen nennt das Ziel „jene höchste Seligkeit“ und begründet den Namen „ewiges Leben“ ausdrücklich damit, „damit niemand meine, sie bestehe in körperlichen und vergänglichen Dingen, die nicht ewig sein können“ – und fügt hinzu, wir seien in diesem Leben „nicht Bürger, sondern Fremdlinge“. Wer nicht Bürger ist, kann nicht enterbt werden. Das ist der Unterschied zwischen einer Hoffnung, die die Toten einschließt, und einer, die sie verrechnet. Benedikt XVI. schreibt darüber auch in seiner Enzyklika „Spe Salvi“: „Auch Adorno hat entschieden an dieser Bildlosigkeit festgehalten, die eben auch das „Bild“ des liebenden Gottes ausschließt. Aber er hat auch und immer wieder diese „negative“ Dialektik betont und gesagt, daß Gerechtigkeit, wirkliche Gerechtigkeit, eine Welt verlangen würde, „in der nicht nur bestehendes Leid abgeschafft, sondern noch das unwiderruflich Vergangene widerrufen wäre“. Das aber würde – in positiven und darum für ihn unangemessenen Symbolen ausgedrückt – heißen, daß Gerechtigkeit nicht sein kann ohne Auferweckung der Toten. Eine solche Aussicht bedingte jedoch „die Auferstehung des Fleisches; dem Idealismus, dem Reich des absoluten Geistes, ist sie ganz fremd“.
Ein großer Schock in der europäischen Geschichte war das Erdbeben von Lissabon 1755. Voltaire schrieb darüber: „Werdet ihr sagen, beim Anblick dieses Haufens von Opfern: Gott hat sich gerächt, ihr Tod ist der Preis ihrer Verbrechen? Welches Verbrechen, welche Schuld haben diese Kinder begangen, die auf der Mutterbrust zerquetscht und blutig liegen?“ Im 19. Jahrhundert wurde Ludwig Feuerbach, das große Vorbild für Karl Marx populär. Feuerbach zog die Konsequenz, die Marx dann übernahm: „Das Bewußtsein Gottes ist das Selbstbewußtsein des Menschen“; und, als erster Satz seiner Reformthesen: „Das Geheimnis der Theologie ist die Anthropologie.
Literarisch äußerte sich Georg Büchner. In Dantons Tod lässt er Payne die Gottesbeweise zertrümmern und dann den einzigen Einwand aussprechen, der bleibt: „Man kann das Böse läugnen, aber nicht den Schmerz, nur der Verstand kann Gott beweisen, das Gefühl empört sich dagegen. — Merke dir es, Anaxagoras, warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung von oben bis unten.“ Danton sagt vor der Guillotine: „Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.“Und Büchner selbst, im Brief an seine Braut: „Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. … Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz.
Bei Büchner liegt aber auch das Scharnier zwischen den beiden Erlösungslehren. Der Hessische Landbote endet nicht mit einem Aufruf zur Revolution, sondern mit einem umgeschriebenen Vaterunser: „Herr, zerbrich den Stecken unserer Treiber und laß dein Reich zu uns kommen, das Reich der Gerechtigkeit. Amen.“ Genau hier wird „dein Reich komme“ innerweltlich umadressiert.
Nietzsche hat als einziger beide Seiten dieses Vorgangs gesehen. Er hat den Verlust in Sätze gefasst, die keine Erleichterung enthalten: „Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! … Wer wischt dieß Blut von uns ab? … Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?“ Und er hat die Erbfolge benannt: Die „Gleichheit der Seelen vor Gott“ sei „dieser Sprengstoff von Begriff, der endlich Revolution, moderne Idee und Niedergangs-Princip der ganzen Gesellschafts-Ordnung geworden ist — christlicher Dynamit“. Sein Kapitel über Christ und Anarchist stellt beide unter dieselbe Diagnose: „das Gemeinsame … ist, dass Jemand schuld daran sein soll, dass man leidet.“
Pius XI. hat 1937 präzise benannt, was er vor sich hatte: Der Kommunismus verberge in sich „eine falsche messianische Idee“, ein „Pseudo-Ideal von Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit“; er verkündige der Menschheit „gleichsam ein neues Evangelium und gleichsam eine heilbringende Botschaft der Erlösung“. In ähnlicher Weise funktionierte auch der Nationalsozialismus als eine Form politischer Religion, die das Ideal eines „neuen Menschen“ anstrebte. Ein bauliches Zeugnis für diesen ideologischen Erziehungsanspruch ist die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel, die zur Schulung des nationalsozialistischen Führungsnachwuchses errichtet wurde. Die dortige Architektur und Bildsprache – wie etwa das monumentale Relief des „Fackelträgers“ – zielten darauf ab, traditionelle christliche Werte durch einen rassenideologisch begründeten Kult um Stärke, Männlichkeit und Gefolgschaft zu ersetzen. Durch diese pseudoreligiöse Überhöhung des germanischen Mannes und des Führerprinzips versuchte das Regime, eine weltliche Heilsbotschaft zu etablieren, die in direktem Widerspruch zur christlichen Theologie stand und im selben Jahr, 1937, von Papst Pius XI. in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ scharf verurteilt wurde.
DAs Christentum ist aber mehr als eine bloße Theorie. Es gibt die Wunder von 2000 Jahren. Schon die bloße Entstehung des Christentums ist ein eindrücklicher Beweis dafür, dass das scheinbar Unmögliche gegen alle Wahrscheinlichkeiten siegen kann. Der Historiker Hildebrand Troll machte darauf aufmerksam, als er erklärte, warum der Altertumswissenschaftler Theodor Mommsen seine berühmte „Römische Geschichte“ mit Caesar enden ließ und danach nur noch ein Werk über die römischen Provinzen verfasste. Mommsen, so Troll, sah sich außerstande, „mit den Mitteln der historischen Methode zu erklären, wie es zwölf ungelehrten galiläischen Fischern gelungen sei, das geistige Leben des römischen Weltreichs zu revolutionieren“.
Eines der größten öffentlichen Wunder ist gerade mal etwas mehr als hundert JAhre her: In Fátima berichtete am 15. Oktober 1917 die republikanische Lissabonner Zeitung „O Século“ über den 13. Oktober, geschrieben von einem Journalisten, der Freimaurer war: „Die Sonne zitterte, die Sonne machte nie gesehene, jähe Bewegungen außerhalb aller kosmischen Gesetze – die Sonne ‚tanzte‘, nach dem typischen Ausdruck der Bauern.“ Nach eigener Schätzung waren dreißig- bis vierzigtausend Menschen zugegen; andere Zeugen sprechen von hunderttausend. Zwei Wochen später schrieb derselbe Autor: „Wunder, wie das Volk schrie? Naturphänomen, wie die Gelehrten sagen? Ich kümmere mich jetzt nicht darum, es zu wissen, sondern nur darum, dir zu sagen, was ich sah. … Der Rest ist Sache der Wissenschaft und der Kirche.“ Auch der Bischof von Leiria, der 1930 den Kult erlaubte und die Erscheinungen für „glaubwürdig“ erklärte, hat das Sonnenphänomen selbst nicht zum Wunder erklärt. Diese Zurückhaltung ist kein Defizit; sie ist der Grund, warum man den anerkannten Fällen etwas zutrauen kann.
Chesterton hat den Befund in einen Satz gefasst, der die ganze Geschichte des Zweifels voraussetzt: „Das Christentum ist viele Male gestorben und wieder auferstanden; denn es hatte einen Gott, der den Weg aus dem Grab kannte.“